Schottland ist meistens kalt, auch ohne Seeungeheuer

28.06.2019 • 17:38 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Eine Impfung zum Schutz . . .“David Keenman, 318 Seiten, Liebeskind Verlag

Eine Impfung zum Schutz . . .“

David Keenman,
318 Seiten, 
Liebeskind Verlag

Die Versuchung ist allgegenwärtig, die Verführung ebenso und einige Buchtitel sind elendlang.

Romane Es gibt ausgezeichnete Journalisten, die ihren Job wunderbar erledigen, ihnen hängen die Leser sozusagen an der Lippe, vor allem, wenn sie Fachjournalisten sind. David Keenman ist einer von ihnen. Seit dem Tod von BBC-Legende John Peel ist er der einflussreichste Musik-Journalist in Großbritannien. Tatsächlich werden auf seine Empfehlungen noch Bands entdeckt und Longplayer verkauft. Nun ließ er sich hinreißen, einen Roman zu schreiben, ausgerechnet über seine „fiktive“ Jugend in Airdrie, einer Kleinstadt zwischen Glasgow und Edinburgh, mit dem Titel „Eine Impfung zum Schutz gegen das geisttötende Leben, wie es an der Westküste Schottlands praktiziert wird.“ Zumindest die Länge des Titels könnte für das Guinness Buch der Rekorde reichen und bei Guinness befinden wir uns schon wieder in Schottland.

Schottland ohne Romantik

Also, der Autor erzählt uns über seine Jugend in den 1980ern, in einer Kleinstadt in Schottland, wo Glasgow schon ziemlich weit weg ist und London so unerreichbar wie die USA scheint, also fast so öd wie eine Jugend in der österreichischen Provinz, außer, dass sie eben ein paar TV- und Radiosender mehr hatten und die Geburt von MTV miterlebten. In dieser Zeit gründet der Erzähler eine Band, die keiner kennen muss, „Memorial Device“, die sich zwar auf dem Weg ganz nach oben befindet, aber dann doch wie eine fehlgezündete Rakete im Nichts versiegt. Der Autor beschreibt dieses Flirren einzigartig, diese Ungewissheit wo man bereits steht, ob es nicht nur noch ein Probetape aus dem Keller braucht, um sich anständig Gehör zu verschaffen – die Biografien bekannter Bands leben von solchen Momenten. Natürlich sind die ganzen Geschichten von der Adoleszenz getrieben und diese nimmt einen nicht zu geringen Teil des Romans ein.

Einzig ärgerlich, dass der Autor den Roman nicht aus einer Sicht, sondern aus der Sicht aller Bandmitglieder schrieb: Die Stimmen klingen alle sehr ähnlich. So gesehen war diese Fleißaufgabe nicht nötig. Tipp: Einfach durchlesen und nicht lange fackeln. Wer die 1980er-Jahre nicht erlebt hat, hat sie mit diesem Roman einen Millimeter mehr erlebt. Mehr aber auch nicht.

Melissa Scrivner Love legt ihren zweiten Thriller vor, namens „Lola“. Der Name ist aber etwas irreführend, denn die „Lola“ ist weder die namensgebende Sexbombe oder Ähnliches, sondern eine Killerin, Anführerin einer Gang, hat mütterliche Gefühle und ist außerdem eine gute Tex-Mex-Köchin. Mit links schafft es die Autorin, Lola zu einer Guten unter den Bösen zu machen, immerhin verschneidet sie Heroin. Ob hier wirklich Thriller der richtige Ausdruck für das Genre ist, ist fraglich, für das fehlt der Hammer.

Es ist jedoch eine Geschichte voller Alltagskolorit, die man unter allen Aspekten gerne liest. Sie gelingt, wenn die Bandenchefin für die Jungs kocht und kurz darauf Schreckenstaten verübt. Das ist eine hübsche Mischung aus Tradition und Moderne. Auch Quentin Tarantino hätte bestimmt seine Freude damit.

„Lola“Melissa Scrivner Love, 391 Seiten, Suhrkamp Verlag

„Lola“

Melissa Scrivner Love,
391 Seiten, Suhrkamp Verlag