Historisch bestens platziert

01.07.2019 • 18:21 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Einmal wird die Kirchenfassade auch selbst zum Auftrittsort.
Einmal wird die Kirchenfassade auch selbst zum Auftrittsort.

Verdis „Il trovatore“ führt im St. Galler Klosterhof vom Spätbarock in die Gegenwart.

Christa Dietrich

St. Gallen Die Musik ist pures 19. Jahrhundert und repräsentiert die Glanzjahre von Verdi, die heuer auch bei „Rigoletto“ auf der Bregenzer Seebühne hörbar werden. Anders als in einigen Opern des Italieners ist die Handlungszeit von „Il trovatore“ (uraufgeführt 1853) exakt mit dem frühen 15. Jahrhundert auszumachen, als man sich in Aragonien um die Erbfolge stritt. Das verpflichtet selbstverständlich keine Bühnenbildner zum Nachbauen mittelalterlicher Burgen und keine Regisseure dazu, diese zu bevölkern. Das anspruchsvolle Publikum erwartet sich jedoch eine nachvollziehbare Schauplatzwahl. Man erinnert sich an die Lösung, die Alvis Hermanis fand, der Anna Netrebko bei den Salzburger Festspielen ins Museum schickte, wo die Auswahl an Historienbildern bequem gegeben ist, und auf dem Bodensee ließen Robert Carsen und Paul Steinberg vor nahezu 15 Jahren eine Ölraffinerie nachbauen. Sie symbolisierte Reichtum und Macht des Grafen Luna, wogegen Manrico mit seinen Rebellen ankämpfte.

In St. Gallen, wo man heuer für die Freiluftproduktion von einer höchst anerkennenswerten Raritätenpflege abkam, die dem Publikum beispielsweise im Vorjahr einen wunderbaren „Edgar“ von Puccini bescherte, ließ sich Frank Philipp Schlössmann im Besonderen von der Mitte des 18. Jahrhunderts vom Bregenzerwälder Baumeister Peter Thumb errichteten Stiftskirche inspirieren und baute das Bild eines barocken Todesengels in den Klosterhof. Mit durchbohrtem Herz und ausgebreiteten Flügeln bildet er eine Arena, die mit Durchlässen und Öffnungen rasche Auf- und Abtritte ermöglicht und die Handlung historisch bestens platzieren lässt.

Investition in die Qualität

Diese ist, wie oft zitiert, einigermaßen vertrackt, reiht sich um den Zwist zweier Männer, die nichts von ihrer Verwandtschaft wissen. Dazu kommt mit Leonore eine Frau, die von beiden umworben wird, und mit Azucena eine Zigeunerin, die den Tod der Mutter zu rächen hat. Eine Bluttat folgt auf die andere, Schlössmann bepflanzt daher die gesamte Spielebene mit Grabkreuzen und lässt die Gegenwart hereinwehen, wenn die Zigeuner auch als Flüchtlinge abgeschoben werden oder Azucenas Festnahme mediengerecht inszeniert wird. Hier tritt somit Regisseur Aron Stiehl in Erscheinung, der es ansonsten mehr oder weniger dabei belässt, die Auf- und Abtritte zu regeln und dem Hauptmann Ferrando dabei die Rolle des Zeremonienmeisters überantwortet, der gegen Ende auf der Fassadenempore auftritt, um dem Todesengel bewegte Gestalt zu geben. Das gibt Sinn, hat Spannung, bringt Kulinarik ein, offenbart aber noch wenig über das Innenleben der Figuren. Auch Verdi wird bei allen zündenden Partien diesbezüglich nicht allzu deutlich, lässt findigen Regisseuren viel Spielraum, den Stiehl nicht weiter nutzt. Es bleibt beim gut vom Mittelalter über das Barock bis in die Gegenwart gespannten Bogen. Dieses grundsätzliche Verharren auf einem Bild konnte sich die Festspielleitung wohl deshalb erlauben, weil im Vergleich zu den Vorjahren enorm an der Akustik geschraubt wurde. Der Klang des von Michael Balke geleiteten, abseits in einer Box platzierten Sinfonieorchesters wird nahezu tadellos in den Hof übertragen, und die Stimmen sind exakt zu orten. Dieser Investition in die Qualität entsprechen Katia Pellegrino (Leonora), Kamen Chanev (Manrico), Nikola Mijailovic (Conte) und vor allem Nora Sourouzian (Azucena). Die Partien sind doppelt besetzt. Der Feldkircher Martin Summer gibt einen kompetenten Ferrando.

Auch die Stiftskirchenfassade wird zum Podium.

Auch die Stiftskirchenfassade wird zum Podium.

Der Klosterhof vor der St. Galler Stiftskirche ist wieder Schauplatz einer Opernproduktion. Theater/Dorendorf
Der Klosterhof vor der St. Galler Stiftskirche ist wieder Schauplatz einer Opernproduktion. Theater/Dorendorf

Nächste Aufführung von Verdis „Il trovatore“ am St. Galler Klosterhof im 2. Juli, 20.30 bis ca. 23.15 Uhr, und weitere bis 12. Juli: http://www.stgaller-festspiele.ch