Da ist vieles fest in weiblicher Hand

Kultur / 03.07.2019 • 18:40 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die Saxophonistin Ayleen Weber mit Dirigent Benjamin Lack. VICTOR Marin
Die Saxophonistin Ayleen Weber mit Dirigent Benjamin Lack. VICTOR Marin

Die Uraufführung von Raphael Lins überzeugte beim Festkonzert.

FELDKIRCH Das Sinfonieorchester des Vorarlberger Landeskonservatoriums hat in den vergangenen Jahren eine Qualität erreicht, die auch das benachbarte Ausland hellhörig werden ließ. Deutsche und Schweizer Partner in der Region luden zu Kooperationen ein. So hat das Orchester in der vergangenen Saison seinen Radius deutlich ausgeweitet.

Mit der Qualität ist auch der Frauenanteil des 62-köpfigen Orchesters auf zwei Drittel angestiegen – oder umgekehrt, der Berufsmusiker der Zukunft wird also vorwiegend weiblich sein. Benjamin Lack, dem als Dirigent der letzten Jahre diese Entwicklung in erster Linie zu danken ist, tritt mit seinen jungen Musikern auch gleich den Wahrheitsbeweis an. Franz von Suppés Ouvertüre zu „Dichter und Bauer“, ein melodienseliges Stück altösterreichischer Nostalgie, gelingt mutig in höchster Präzision und mit großer Sicherheit auch in den vielen heiklen Passagen. Eine zweite Seite seines Könnens zeigt das Orchester als flexibler Klangkörper in der Begleitung der sechs aus 40 Bewerbern ausgewählten Solisten des Abends.

Begehrte Auftrittsmöglichkeit

Den Anfang macht die Russin Mayya Melnichenko (29, Klasse Anna Adamik) mit dem Kopfsatz aus Mozarts C-Dur-Klavierkonzert mit kraftvollem Anschlag und dem rechten Spürsinn für die Musik Mozarts. Sehr selbstbewusst bewältigt die bereits als Profimusikerin tätige Hittisauerin Johanna Bilgeri (18, Klasse Allen Smith) zwei Sätze aus dem höchst anspruchsvollen Fagottkonzert von Carl Maria von Weber. Seit 2015 studiert die in Italien geborene Geigerin Francesca Temporin (22, Klasse Rudens Turku) am Kons und bewältigt spielerisch, mit sinnlichem Ton und großer Virtuosität die extremen Anforderungen der Havanaise von Camille Saint-Saens. Der Ravensburger Michael Gundolf Loß (31, Klasse Gerhard Vielhaber) hat sich mit dem zweiten Satz von Brahms‘ zweitem Klavierkonzert einen ordentlichen Brocken vorgenommen. Mit der Geste des versierten Virtuosen kommt er auch geistig dem komplexen Werk bei. Mit einem satten, warmen Celloton gestaltet Kilian Erhart aus Marul/Großwalsertal (16, Klasse Matthias Johansen) sehr ergreifend das elegische Kol Nidrei von Max Bruch. Mit Ayleen Weber aus Diepoldsau/CH (18, Klasse Fabian Pablo Müller) setzt eine Frau am Altsaxophon ein Highlight mit der fantastischen Sonate der Komponistin Fernande Decruck aus den Vierzigern und macht darin die orientalischen Elemente ebenso spürbar wie den hohen Jazzanteil.

Erstmals bei diesem Anlass kommt es am Schluss zur Uraufführung eines in der Kompositionsklasse von Herbert Willi entstandenen Orchesterwerks als Diplomarbeit des aus Frastanz stammenden Raphael Lins (22). Sein „Präteritum“ atmet am Beginn mit den gläsern scharfen Kontrasten noch hörbar den Geist seines Mentors, bis Lins im rhythmischen, wild gestikulierenden zweiten Satz auch zu eigenständigem Ausdruck mit ausgehörten Klangflächen und kluger Themenauswahl findet. Ein mit acht Minuten zwar kurzes Stück, das aber weit über eine bloße Talentprobe hinausgeht.