Einzelschicksale aus der Masse gepickt

Kultur / 05.07.2019 • 22:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das Schriftstellerpaar Michael Köhlmeier und Monika Helfer mit dem Dornbirner Kultur­amtsleiter Roland Jörg im Flatz-Museum.  stadt dornbirn/dünser
Das Schriftstellerpaar Michael Köhlmeier und Monika Helfer mit dem Dornbirner Kultur­amtsleiter Roland Jörg im Flatz-Museum.  stadt dornbirn/dünser

Das Flatz-Museum zeigt Panoramabilder. Monika Helfer und Michael Köhlmeier haben die Geschichten dazu verfasst.

Christa Dietrich

Dornbirn Rassisten, Nazis, Karrieristen oder Opfer und darunter ein paar Verliebte oder solche, die es mit Klugheit und Fleiß zu etwas gebracht haben: Die Panoramabilder aus den Wiener Sammlungen Jelitzka und Mayreck, auf denen nicht mehr die Landschaft oder Stadtansichten im Mittelpunkt stehen, sondern Menschen bzw. Ansammlungen von Menschen, sind als Dokumente zur Geschichte eines Landes wie zur Geschichte der Fotografie höchst interessant. Dass sich der Einzelne in der Masse nicht verliert, dafür sorgen auch die Schriftsteller Monika Helfer und Michael Köhlmeier. Die Geschichten stehen einerseits für sich, die hohe Qualität der literarischen Fiktion öffnet andererseits aber auch auf besondere Weise den Zugang zu den wenigen historischen Fakten, die die inszenierten Bilder in sich tragen.

Bestens ins Programm gefügt

Nachdem sich das Flatz-Museum in Dornbirn neben der Präsentation von Arbeiten des aus Vorarlberg stammenden Künstlers Wolfgang Flatz für seine Sonderprojekte vor einiger Zeit der Fotografie verschrieben hat, fügt sich die von Gerald Matt kuratierte Ausstellung bestens in ein Programm, das bereits mit Arbeiten von Fotopionierinnen und -stars wie Lisette Model, Diane Arbus und Nan Goldin konfrontierte. „Yard Long Photographs“ waren vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sehr verbreitet und wurden zur Dokumentation von politischen Veranstaltungen, Preisverleihungen, Studienabschlüssen, Firmenjubiläen, Titelvergaben etc. hergestellt. Mittlerweile sind sie Zeugnisse des politisch-gesellschaftlichen Lebens, die auch Ausgrenzungen veranschaulichen. Es ist deprimierend, aber nicht verwunderlich, dass auf Bildern von Feierlichkeiten in den Vereinigten Staaten die farbige Bevölkerung so gut wie nicht vertreten war. So wurde sogar eine dunkelhäutige Serviererin aus einem Bild von einem Dinner im Jahr 1957 in Detroit einfach wegretouchiert.

Der Person, die auf dem Bild nur noch als Schatten existiert, verleihen die Schriftsteller eine Geschichte. Es ist die überraschende Erzählung von einer Mondsüchtigen, der nach dem Sturz vom Dach von einem Milchmann Hilfe zuteil wird. Eine weitere Aufnahme zeigt die Angestellten der Ford Motor Company im Jahr 1949. Ein Mann, dessen Schicksal stellvertretend fiktiv aus der Masse gepickt wurde, hatte Sorge, dass seine Homosexualität auffliegt. Durch Zufall kam er zu einem Job, in dem er Verstorbenen mit kosmetischer Hilfe zu einem würdevollen Abschied verhalf.

Im Waldorf-Astoria trafen sich betuchte Händler oder Vertreter der Werbebranche im Jahr 1947 zum gediegenen Lunch. Während sich der Bildbetrachter über Gesprächsthemen, angesagte Kleidung oder Zurschaustellung von Wohlstand Gedanken machen kann, verführen Helfer und Köhlmeier zum Blick auf heimliche Sehnsüchte der gut Situierten. Standesdünkel wie Rassismus kommen in der kleinen Geschichte ebenso zum Ausdruck wie Ironie und Humor. Einen der Geladenen erfüllte es einst mit Stolz, der erste Geliebte einer hübschen jungen Frau zu gewesen zu sein, die sich ihm erst später als Verheiratete zu erkennen gab. Weitere Geschichten der proper aufgestellten Studienabsolventen oder Schönheitsköniginnen erweisen sich als feingliedrige Auseinandersetzung mit einer Gesellschaft, in der vor allem Frauen enorme Durchsetzungskraft an den Tag legen mussten, um zu überleben. Den Bildern und den fesselnden Geschichten wollen die Leiter des Flatz-Museums ein Buch widmen.

Die Ausstellung „Panorama“ im Flatz-Museum in Dornbirn (Marktstraße 33) ist bis 21. September, Fr, 15 bis 17 Uhr, Sa, 11 bis 17 Uhr, geöffnet: www.flatzmuseum.at