Kleine Kulturgeschichte der Zeit

Kultur / 05.07.2019 • 18:19 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Die Macht des WillensUlrich SiegHanser Verlag430 Seiten

Die Macht des Willens

Ulrich Sieg

Hanser Verlag

430 Seiten

Neue Biografie über die Schwester von Friedrich Nietzsche.

Biografie Die Szene muss gespenstisch gewesen sein: Während Elisabeth Förster-Nietzsche im Erdgeschoss des Elternhauses in Naumburg das Archiv ihres Bruders Friedrich Nietzsche einrichtete, drangen aus dem Obergeschoss immer wieder die Schreie des kranken Philosophen durch das Haus. Gleichzeitig begann sich seine Schwester als „Lordsiegelbewahrerin“ seiner Werke in die Geschichte ihres Bruders einzuschreiben – mit zum Teil fatalen Folgen, weil sie auch Originaldokumente fälschte oder sogar vernichtete, was die Verklärung und Verzerrung des Nietzsche-Bildes in der Kaiser- und Nazi-Zeit begünstigte.

Der Marburger Historiker Ulrich Sieg bescheinigt Förster-Nietzsche in seiner neuen Biografie („Die Macht des Willens – Elisabeth Förster-Nietzsche und ihre Welt“) fehlende wissenschaftliche Schulung und sogar verbrecherische Energie im Umgang mit dem Nachlass ihres Bruders, gleichzeitig aber auch erstaunliche Selbstbehauptung und Willensstärke in einer von Männern dominierten Akademikerwelt.  Viele Nietzsche-Handschriften wären ohne Elisabeths energischen Einsatz nicht entdeckt und erschlossen worden, betont Sieg.

Die neue Biografie ist auch eine kleine Kulturgeschichte der Zeit und wirft auch die Frage auf, wie die Schwester des Philosophen es eigentlich geschafft hat, „zu den erfolgreichen Figuren des Fin de Siècle zu gehören“. Förster-Nietzsche führte ein „offenes Haus“ für Schriftsteller, Musiker und Maler in Weimar. Es gab später Stimmen, die sich gegen überzogene Schuldzuweisungen gegen Elisabeth Förster-Nietzsche vor allem nach 1945 wandten. Auch die neue Biografie bemüht sich um ein differenziertes Bild mit intensiven Recherchen und neuen Dokumenten bis hin zum Südamerika-Abenteuer des Ehepaars Förster, das der Mann nicht überlebte. „Wir werden eine arische Herrenrasse züchten, hier in den Wäldern Südamerikas“, schrieben sie.  Sieg bemüht sich, einer „abgründigen Figur“ und „Schlüsselgestalt der Moderne“ ohne Klischees und Vorurteile nahezukommen und gerecht zu werden. Dabei gelingt ihm ein gut lesbares Panorama eines aufregenden Lebens, was angesichts der doch sehr anspruchsvollen Materie nicht selbstverständlich ist. Bei aller Verherrlichung ihres Bruders, dem die Schwester im praktischen Alltag eine unverzichtbare Hilfe war, hebt Sieg auch die weltanschaulichen Differenzen hervor. Der Philosoph teilte weder den fanatischen Antisemitismus seiner Schwester noch die nationale Deutschtümelei.

Vermutlich haben auch die Eingriffe in Nietzsches Schriften zum Bild Nietzsches in der NS-Zeit als „Denker des deutschen Volkes“, als Philosoph des „Willens zur Macht“ und des „Übermenschen“, beigetragen. Obwohl Hitler das Nietzsche-Archiv förderte, bezweifeln viele, ob er die Werke  wirklich gelesen hat, wie manche andere Nietzsche-Bewunderer wohl auch.