Realität, gespiegelt in großer Literatur

05.07.2019 • 16:19 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Colson Whitehead legt den Finger in die wohl schlimmste Wunde der US-Gesellschaft.

Roman Was ein 16-jähriger, von Martin Luther Kings Bürgerrechts-Ideen begeisterter Schwarzer als vermeintlicher Autodieb in einer „Besserungsanstalt“ erlebt, ist an Horror kaum zu überbieten. Colson Whitehead, Träger des amerikanischen National Book Award und des Pulitzer-Preises für Literatur, legt mit seinem 224-Seiten-Roman „Die Nickel Boys“ den Finger in die wohl schlimmste Wunde der US-Gesellschaft. Das jahrhundertealte, bis heute wütende Krebsgeschwür Rassismus seziert er mit Präzision, Empathie und einem großartigen Gefühl für Spannungsmomente. Es ist eine „Geschichte von unglaublich erschütterndem Leid“ und „einer ungeheuren Düsterkeit“, wie der Gastgeber des „Literarischen Quartetts“ im ZDF, Volker Weidermann, sagte. Dort waren sich die Experten einig wie nur selten.

Der 49-jährige Afroamerikaner Whitehead bedient sich dafür einer Sprache, die seine auf wahren Begebenheiten basierende Geschichte um Elwood Curtis und dessen Freund Jack Turner in all ihren Schrecken meist sachlich ausmalt, hin und wieder aber auch vor Wut explodiert. Dass die alltägliche Diskriminierung der farbigen Mitbürger in den USA eines Präsidenten Donald Trump nicht verschwunden ist, sondern – im Gegenteil – eine bittere Konstante, muss Whitehead in diesem Roman gar nicht explizit erwähnen. „Rassismus oder schlechter Service?“, geht einem seiner Protagonisten auch Jahrzehnte nach den Erlebnissen im Erziehungsheim „Nickel Industrial School for Boys“ noch durch den Kopf, als ihn eine weiße Kellnerin zu ignorieren scheint. Der im Jahr 2014 angesiedelte Prolog des Romans – die Ausgrabung der Leichen ermordeter Schüler – klärt sich im Laufe der Handlung, die in einem Fluchtversuch kulminiert. Wie dieses Drama zweier zuletzt fast gebrochener junger Männer mit einer sensationellen Wendung ausgeht, sollte nicht verraten werden. Die Qualität von „Die Nickel Boys“ stünde aber auch ohne jeden Authentizitäts-Nachweis außer Frage.

„Die Nickel Boys“, Colson Whitehead, Carl Hanser, 224 Seiten