Von Stürmern und Mittelfeldspielern

Kultur / 05.07.2019 • 21:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Pawel Zalejski mit SOV-Kollegen: Die ersten Geigen stürmen vorne, die zweiten sind das Mittelfeld.  sov/mathis

Konzertmeister Pawel Zalejski kennt keinen im SOV, der nicht eine besondere Verbindung zu Vorarlberg hat.

Bregenz, Fürth Das Symphonieorchester Vorarlberg ist schon längst ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil des Musiklebens in unserem Land. Es gibt in seinen Reihen Persönlichkeiten, die auch als Solisten oder in anderen Ensembles auftreten. Ihnen noch mehr Profil zu verleihen, ist das Ziel einer Serie von Gesprächen mit Musikerinnen und Musikern in lockerer Folge.
Pawel Zalejski, 1980 in Bydgoszcz (Bromberg) in Polen geboren, studierte in Warschau und Wien (Prof. Gerhard Schulz, Alban-Berg-Quartett) und absolvierte sein Konzertexamen mit Auszeichnung an der Hochschule der Musik in Detmold. Er war Stipendiat an der Bloomington School of Music, hat Kurse u. a. bei Thomas Brandis, Günther Pichler und Giuliano Carmignola (historische Aufführungspraxis) absolviert und war Preisträger bei zahlreichen internationalen Wettbewerben. Internationales Renommée genießt Zalejski als Primarius des Apollon-Musagète-Quartetts, mit dem er 2008 beim ARD-Musikwettbewerb nicht nur den 1. Preis, sondern beinahe alle Sonderpreise gewann. Das Streichquartett etablierte sich rasch als feste Größe in der europäischen Musikszene und begeistert Publikum und Presse gleichermaßen, soeben absolvierte es eine Japan-Tournee. Zalejski war Gastkonzertmeister in verschiedenen Orchestern und Ensembles und ist seit 2013/14 Erster Konzertmeister des SOV. Er ist mit der Geigerin Monika Hager-Zalejski aus Lindau verheiratet, mit der er das mehrfach preisgekrönte „Duo Viennese“ bildet, und lebt mit seiner Familie mit drei Söhnen in Fürth.

Wie sind Sie zur Geige gekommen?

Meine Mutter ist Pianistin, der Flügel stand in meinem Kinderzimmer. Sie wollte aber etwas anderes für mich. Ich habe Geige gelernt. Erst als mich der Konzertmeister des Bromberger Orchesters für seine Violin-Klasse ausgewählt hat, bin ich mit Leib und Seele zum Geiger geworden. Er war eine Ausnahmepersönlichkeit und hat für die Musik gebrannt. Er hat auch mich angezündet. Ich habe entdeckt, dass in der Musik Emotionen das Wichtigste sind.

Sonst wären Sie vielleicht doch noch Pianist geworden, wie Rafal Blechacz?

Der Blechacz hat in meinem Kinderzimmer auf dem Flügel meiner Mutter gespielt, er war ihr Schüler.

Wie wichtig sind die Geigen im Orchester?

Sie sind die größte Gruppe, müssen aber wie ein Instrument klingen. Das Verhältnis von ersten zu zweiten Geigen ist wie beim Fußball: Die ersten Geigen stürmen vorne, die zweiten sind das Mittelfeld. Ohne Unterstützung des Mittelfelds kann selbst Robert Lewandowski kein Tor schießen (lacht).

Beschreiben Sie bitte Ihre besondere Aufgabe in der Funktion des Konzertmeisters?

Der Konzertmeister verbindet zwei Welten: Das eine ist eine imaginäre Welt von Ideen, die der Dirigent nonverbal durch seine Gesten ausdrückt. Das andere sind die Musiker, die operieren nur vom Klang her. Ich übernehme und leite mit meinem Spiel die Gedanken des Dirigenten weiter. Vorher arbeite ich die Partitur durch und mache mir ein Bild des ganzen Werkes, die Musiker bekommen ja nur ihre Einzelstimme. Danach richte ich die Einzelstimmen ein, mit Stricharten usw., auch für die Stimmführer der anderen Streichergruppen. Das ist wichtig für die Spielart und Homogenität des Orchesters.

Warum schütteln sich Konzertmeister und Dirigent vor dem Konzert die Hand?

Schon bevor wir anfangen, passiert sehr viel. Man versammelt sich hinter der Bühne, ich begrüße alle. Dann bekommen wir das Zeichen, dass die Türen im Saal geschlossen sind. Das ist ein Moment voller Magie: Erst jetzt öffnen wir unsere Türen, ab nun ist Auftritt. Wir kommen von beiden Seiten gleichzeitig, ich zuerst. Jeder von uns nimmt nun seinen Platz in einem großen Ganzen ein, als Cellist, erster Trompeter usw. Das Publikum applaudiert, wir stehen. Erst, wenn alle da sind, setzen wir uns. Dann kommt das Stimmen: ich blicke zur Oboistin, stehe auf, zeige auf sie, sie gibt ein A für die Bläser. Dann erst gibt sie mir ein A für mich, Ich bedanke mich und gebe es an die Bassgruppe weiter und spiele immer weiter. Das Stimmen ist wichtig für das Miteinander: Wenn z. B. alle Kontrabässe ein A spielen, werden sie zu einer Gruppe. Das ist Alchemie. Dann kommt der Dirigent, das Orchester steht zur Begrüßung auf, der Dirigent verbeugt sich vor dem Publikum. Der Handshake zwischen dem Konzertmeister als Vertreter des Orchesters und dem Dirigenten ist die Bestätigung, dass wir nun Spielpartner sind.

Sie haben gerade eine Serie mit allen Schubert-Streichquartetten bei der Schubertiade begonnen. Was lockt Sie daran?

Von Schubert gibt es die drei großen Quartette, „Rosamunde“, „Der Tod und das Mädchen“ und das G-Dur Quartett. Die anderen hat er ganz früh geschrieben, manches schon mit dreizehn. Ich habe mit meinem Quartett mit den großen begonnen, dann kam ich über Schuberts Symphonik und seine Lieder zurück zu den frühen Quartetten: Man sieht, wie das alles begann. Das ist noch nicht der Schubert, aber später sieht man: Da hat es angefangen. Schubert hat sich als Vierzehnjähriger mit der Kompositionsweise von Haydn und Mozart, dann auch Beethoven beschäftigt. Wie ein Kind hat er aus den klassischen Bauklötzen etwas Neues gebaut. Seit ich mich damit beschäftige, verstehe ich auch die Symphonien besser.

Was ist für Sie das Besondere am SOV?

Für mich ist ein Orchester seine Mitglieder. Sie sind sehr unterschiedlich, haben aber alle eine besondere Verbindung zu Vorarlberg. Sie sind hier geboren, ausgebildet oder zugewandert. Wir sind in Vorarlberg und für Vorarlberg. Ich kenne keinen im Orchester, der nicht eine spezielle Verbindung zu Vorarlberg hat. Das ist etwas ganz Besonders. Ulrike Längle

Zalejski ist Coach beim Bochabela-Projekt (Konzerte 13. Juli, 20 Uhr, Wölfle-Saal, Bizau; 14. Juli, 11 Uhr, St. Corneli, Feldkirch) und spielt beim Festspiel-Gottesdienst am 14. Juli.