Orchester Arpeggione ist auf wunderbarem Barock-Trip

07.07.2019 • 15:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Kammerorchester Arpeggione unter Gianluca Capuano mit dem Chor der Schola San Rocco aus Vicenza in der Pfarrkirche St. Karl in Hohenems. JU

Beim Saisonabschlusskonzert wurde das Hohenemser Ensemble fast zum Originalklangensemble.

HOHENEMS Endlich! Zu berichten gilt es von der wundersamen Wandlung des Kammerorchesters Arpeggione, das bisher 29 Jahre lang in gewohnter Manier  Barockmusik so gespielt hat wie Klassik oder Romantik: breit ausladend und mit sattem Streichervibrato. Bis ein Barockguru aus Italien auftauchte, Gianluca Capuano, und die Musiker innerhalb einer Probenwoche fast zum Barockorchester trimmte: schlank im Klang, geschärfte Dynamik und fast ohne Vibrato. Das erstaunliche Ergebnis erlebten rund 400 Besucher am Samstag beim traditionellen Open Air, das man der unsicheren Witterung wegen in die Pfarrkirche St. Karl verlegt hatte.

Chor der Schola San Rocco aus Vicenza

Was letztlich diesmal kein Nachteil war, weil man gerade die vorgesehenen großen geistlichen Werke von Händel und Bach doch lieber in einem Sakralraum mit seiner erhebenden Akustik hört als in einem Schlosshof. Dafür opfert man gerne auch die dortigen Natureindrücke einem großartigen Musikerlebnis, wie es Arpeggione zu bieten wusste. Im selben Atemzug muss der Chor der Schola San Rocco aus Vicenza genannt werden, den Kurator Irakli Gogibedaschwili für seine Konzertreihe entdeckt hat. Ein Glücksgriff, wie sich rasch herausstellte. Die eigentlich als Amateure angekündigten 14 Damen und elf Herren erweisen sich als Chorgemeinschaft von absolut professionellem Zuschnitt.

Schon am Beginn lässt sich in der Suite aus Händels „Wassermusik“ erleben, wie sehr Gianluca Capuano als energischer Maestro di Cappella am Cembalo den Musikern die sogenannte historisch informierte Spielweise beigebracht hat, die auch auf modernen Instrumenten verblüffende klangliche Ergebnisse erbringt. Der Dirigent ist ein absoluter Spezialist dieses Fachs, arbeitet er doch regelmäßig mit Cecilia Bartoli zusammen. So entwickeln sich die einzelnen Sätze von jenem Geist beflügelt, den man authentisch nennt, ohne sich in dieser Philosophie zu verkrampfen. Gemeinsam mit den von Francesco Erle perfekt vorbereiteten Stimmen des Chors entsteht Händels Frühwerk „Dixit Dominus“ mit der lateinischen Vertonung des Psalms 110 in idealer Verschränkung von vokalen und instrumentalen Stimmen als kompaktes Lob Gottes, von Spannung und Leidenschaft erfüllt, die der junge, dynamische Dirigent bloß noch abzurufen braucht.

Es gibt noch eine Steigerung: Weit eindrucksvoller in seiner religiös-geistigen Kraft wirkt Bachs fünfstimmige Vertonung des „Magnificat“, des Lobgesangs Mariens, in Form einer zwölfteiligen Kantate von bedeutendem Umfang und kompositorischer Qualität in der Behandlung von Chor und Solisten. Diese treten aus den Reihen des Chors hervor, singen ihre Arien oder Duette und integrieren sich dann auch stimmlich wieder vollkommen im Chorklang. Der Chor entfaltet wunderbar barocken Jubel, die Solisten freilich besitzen unterschiedliche Qualität: Sopran Giuseppina Perna ist von traumhafter Pianokultur im Duett mit der Oboe von Alessia Varapaeva, Mezzo Francesca Gerbasi etwas verhalten und nicht ganz sauber, Altus Danilo Pastore von berückender Ausdrucksvielfalt und stimmlicher Schönheit, Tenor Antonio Orsini schlank und beweglich, Bass Fulvio Fonzi dagegen laut und polternd. Das Orchester ist noch aufgestockt worden, u. a. mit drei hohen virtuosen Piccolo-Trompeten, klangprächtig fast wie ein Originalklangensemble. Dem Publikum ist das Standing Ovations wert. Fritz Jurmann

Nächstes Arpeggione-Konzert am 21. September im Rittersaal im Palast Hohenems.