Die Südstaaten-Themen gehen immer

Kultur / 12.07.2019 • 18:44 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
VirginiaNell ZinkRowohlt317 Seiten

Virginia

Nell Zink

Rowohlt

317 Seiten

Zählt hier die Originalität oder geht es um die anständige Portion schwarzen Humors?

Roman Spätestens seit Norman Mailer und Ernest Hemingway haben Kriegsromane der US-Autoren einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft. Nico Walker versucht sich in seinem Debüt an diesem Thema. Das Cover ist auch wirklich eindrucksvoll. Es besteht aus weißen Sternen auf rotem Grund. Je weiter man sich vom Cover entfernt, desto eher kristallisiert sich aus den Sternen ein Totenkopf heraus. Der rote Totenkopf soll zu den roten Kirschen hinführen, dementsprechend ist auch der Titel des Romans gewählt: „Cherry“. „Cherrys“ nannte man im Irak-Krieg die unerfahrenen jungen Soldaten, die ihren Einsatz nicht überleben sollten. Einer von ihnen war Nico Walker.

Die Gratwanderung

Nico Walker überlebte zwar, aber eher nur physisch. Er wurde als Irak-Veteran nach einem dilettantischen Raubüberfall auf eine Bank verhaftet. Mit der Beute wollte er seine Heroinsucht finanzieren, diese bekam er aufgrund seiner Schmerzmittel-Abhängigkeit im Irak-Krieg. Das ist jetzt nichts Neues, neu ist vielleicht, dass Nico Walker im Gefängnis sitzt und von dort aus den autobiografischen Roman schrieb. Nächstes Jahr wird er nach 11 Jahren aus der Haft entlassen. Wenn man so will, ist das die Sensation des Romans, auch das langwierige Prozedere bis das Buch erschien ist durchaus interessant. Am Stil scheiden sich die Geister. Die einen meinen, es ist zu holzschnittartig formuliert, die anderen sprechen von authentischer Literatur. Bis wohin geht Literatur und ab wann sind Buchseiten aneinandergereihte Sätze? Das Urteil liegt im Auge des Betrachters. Trash kann auch Kunst sein, das sollte man nicht vergessen, authentisch ist der Roman allemal.

Abgrundtiefes

Dem klassischen amerikanischen Entwicklungsroman ist Nell Zink sehr nahe. Vor eineinhalb Jahren brachte sie ihr Debüt „Nikotin“ heraus, es war 2018 eine der kleinen Sensationen, vielleicht auch angeheizt durch die Tatsache, dass die Autorin aus den USA auswanderte und nun am Stadtrand von Berlin lebt. Inhaltlich ging es um eine WG mit rauchenden Amerikanern, denen es beim Nichtstun auch ganz gut ging. Die Leser erfreuten sich vor allem an der Kompaktheit des Romans und an der Tatsache, dass nun endlich wieder jemand aufs Ganze geht. „Virginia“ heißt ihr neues Werk und spielt – nicht unschwer zu erraten – in den Südstaaten am Beginn der 1960er-Jahre.

Um es zu verkürzen: Wieder steht eine Dame im Vordergrund, eine junge Frau, die sich von einem Künstler schwängern lässt, in der Einöde fast draufgeht, mit ihrer Tochter flüchtet, den Sohn jedoch beim Vater zurücklässt. Sie zieht das Mädchen alleine auf, mit falschen Papieren, als Schwarze mit weißem Gesicht, ein Gendefekt sozusagen. Und immer wieder gibt es Abgrundtiefes: Die Frau verkauft zusammengefahrene Waschbären an den Ködershop, sammelt psychedelische Pilze für die Beatniks. Sprachlich und gedanklich ist das auffallend gut. Manchmal erinnert das Buch an John Irvine und T.C. Boyle. Dazu kommt eine anständige Portion schwarzen Humors.

CherryNico WalkerHeyne379 Seiten

Cherry

Nico Walker

Heyne

379 Seiten