„Ein bisschen steckt noch ein Kind in mir“

Kultur / 12.07.2019 • 13:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
In Bregenz präsentiert Thomas Schütte eine Auswahl seiner bildhauerischen Arbeiten, seiner Architekturmodelle, Aquarellzeichnungen und Holzschnitte und dazu drei Großskulpturen im Stadtraum.  VN/HARTINGER

Der Schritt über das Kunsthaus-Portal ist der Eintritt in mehrere Ausstellungen des deutschen Künstlers Thomas Schütte.

Christa Dietrich

Bregenz Ironie, Understatement, Pragmatismus oder auch Provokation schwingen immer mit in den Antworten von Thomas Schütte. Er habe einen ganzen Keller mit den Frauenfiguren vollstehen und die knalligsten mitgenommen. Im mittleren Stockwerk des Kunsthauses sind sie versammelt. Der Raum ist ungemein detailreich, wirkt aber sehr kompakt. „Alle Figuren haben einen privaten Hintergrund, ich werde mich aber hüten, diesen zu erzählen.“ Ein rostfarbener Torso sticht hervor. Abgesehen von der Zerstückelung werden Wunden sichtbar, die auf einen martialischen Umgang schließen lassen. Und dennoch leuchtet uns im Gesicht eine der schönsten Anlehnungen an Brancusi entgegen und am Haaransatz steckt eine Blüte. „Die Figur hat einen Namen“, verrät er, mehr nicht. Wer ein bisschen Ahnung hat von Kunstgeschichte, entdeckt in den Torsi Zitate der klassischen Moderne. „Ich wollte einen Picasso-Kopf, einen Matisse-Hintern und ein Maillol-Bein und habe Monate herumgegipst“, kommentiert er daraufhin eine der Figuren. An der Wand hängen Arbeiten aus der Serie „Flag“ und „Fake Flag“, die den Raum umschließen und zu den mannigfaltigen Geschichten, die jede dieser glänzenden, matten oder auch scheinbar aus Stein bestehenden Figuren zu erzählen vermag, weitere hervorruft.

Warum die Nationenfarben, die wie ein Bindeglied zur konkreten Kunst oder wie eine Abwehrhaltung erscheinen, verwaschen wirken, darf man sich zusammenreimen. Schwer fällt es nicht. Ähnlich ergeht es dem Betrachter beim Blick auf seine Großskulpturen, diesen „Männern im Wind“ aus patinierter Bronze, die im Schlamm stecken oder schon zu schmelzen beginnen. Es sind jüngere Arbeiten, deren politische Konnotation vom Künstler nicht erörtert wird. Gegenwärtig ist sie jedenfalls. Mit dem „Mann mit Fahne“ und „Mann ohne Gesicht“ sind Arbeiten von Thomas Schütte auch im Stadtraum von Bregenz präsent. Eine gute Entscheidung, Werke des vielfach ausgezeichneten deutschen Künstlers (geb. 1954 in Oldenburg) gehören unter die Leute. Zur halbgesenkten Fahne oder zum Mann, der sein Gesicht in der Hand trägt, braucht es keine Erklärung. Da kann Thomas Schütte noch so ironisch vom Zufall sprechen. Die Figuren berühren sofort durch ihre Zugespitztheit, sie wirken aber niemals platt. Ein Grabmal soll die Akzeptanz seiner Sterblichkeit symbolisieren.

Vor eineinhalb Jahrzehnten hat sich Schütte den Preis der Biennale von Venedig geholt, auf der documenta in Kassel war er mehrmals präsent, das heißt, dort ist er mit der Figurengruppe „Die Fremden“ immer zugegen. Sie liefert gerade wieder ein starkes Statement.

Der ideale Ort

Abgesehen von den politischen Inhalten, die Schütte auch mit seinen Musikerporträts transportiert, ist das Kunsthaus Bregenz ein geradezu idealer Ort für diese Präsentation. Zahlreiche Architekturmodelle markieren den Schnittpunkt zwischen Architektur und Kunst. „Die Architekten sind manchmal neidisch, was ich alles darf, was die nicht dürfen“, bemerkt er im Gespräch mit den VN. Die Raumerfahrung lässt sich anhand der Modelle oder der Holzschnitte imaginieren oder konkret nacherleben, wurde doch eine Bibliothek für den Eingang nachgebaut. Davor bestätigt die Wasserdampf schnaubende Monumentalskulptur „Drittes Tier“, dass Schütte Populäres und Qualität in Einklang bringt. Das Kind im Mann öffnet somit den Zugang zu den brisanten Themen.

Eröffnung am 12. Juli, 19 Uhr, geöffnet bis 6. Oktober; bis 31. August täglich 10 bis 20 Uhr, danach Di bis So 10 bis 18 Uhr, Do bis 20 Uhr: www.kunsthaus-bregenz.at