Fern von jeder Betroffenheitsliteratur

Kultur / 12.07.2019 • 18:44 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Der FetzenPhilippe LançonTropen551 Seiten

Der Fetzen

Philippe Lançon

Tropen

551 Seiten

Philippe Lançon überlebte das Attentat auf Charlie Hebdo.

Roman „Die Toten hielten einander fest an den Händen. Der Fuß des einen berührte den Bauch des anderen, dessen Finger das Gesicht des Dritten streiften, welches der Hüfte des Vierten zugekehrt war, und alle, wie nie zuvor und nun für immer, wurden in dieser Anordnung zu meinen Gefährten.“ Mit dieser Szene beginnt das wohl erschütterndste Kapitel in Philippe Lançons Buch „Der Fetzen“, jenes Kapitel, in dem er das Attentat vom 7. Jänner 2015 auf die Redakteure von „Charlie Hebdo“ schildert.

Inmitten seiner toten Freunde und Kollegen überlebt Lançon. Doch er ist schwer verletzt, sein Unterkiefer wurde fast komplett weggeschossen. Die nächsten Monate verbringt der Redakteur beinahe ausschließlich im Krankenhaus. In 17 Operationen wird sein Gesicht rekonstruiert: „Ich war ein Kriegsverletzter in einem Land, das im Frieden lebte, und fühlte mich hilflos.“ In seinem preisgekrönten Werk schildert Lançon (geb. 1963) das Attentat und die lange Zeit der Rekonvaleszenz. Es ist ein sprachlich elegantes und dabei analytisches Buch geworden, das sich wohltuend von der üblichen Betroffenheitsliteratur abhebt.

Zwar durchlebt der Autor die Vergangenheit noch einmal mit schmerzlicher Präzision, doch geht er gleichzeitig auf Abstand zu sich selbst. Denn Lançons Leben wurde durch das Massaker unwiderruflich gespalten: der Mann vor dem Attentat existiert nicht mehr. Ja, das Handeln dieses „gewöhnlichen Journalisten“, der er vor dem 7. Januar 2015 war, erscheint ihm jetzt befremdlich, leichtfertig und selbstgerecht. Eine E-Mail, die er kurz zuvor an die Zeitung „Libération“ schrieb und in der er sich abfällig über den Schriftsteller Michel Houellebecq äußerte („guruhafte Figur“), weckt nun fast sein Mitgefühl.

Über Tod und Überleben entschied der Zufall: Lançons Besuch in der Redaktion an jenem Montagmorgen war einer spontanen Eingebung gefolgt. Die Redaktionskonferenz wollte er früher verlassen, doch dann zeigte er einem Kollegen noch kurz ein Buch. Wäre er früher gegangen, wäre er den Mördern im Flur oder im Treppenhaus direkt in die Arme gelaufen und erschossen worden. Einer Chirurgin, handfest, lebensklug und patent, gelingt das Wunder der Rekonstruktion seines zerstörten Gesichts, jenes „Fetzens“. Danach schickt sie ihn unerbittlich in die Welt hinaus. Die Nachricht vom Attentat im Bataclan am 13. November 2015 erhält Lançon während eines Aufenthalts in New York. Noch in der Nacht schreibt seine Chirurgin: „Ich bin froh, Sie weit weg zu wissen. Kommen Sie nicht so bald wieder.“