Starke Geschichten, kompetent erzählt

12.07.2019 • 17:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Miriam Bajtala hat eine in sich sehr stimmige, in ihren Größenverhältnissen speziell für den Raum konzipierte und wie aus einem Guss wirkende Schau entwickelt. AG
Miriam Bajtala hat eine in sich sehr stimmige, in ihren Größenverhältnissen speziell für den Raum konzipierte und wie aus einem Guss wirkende Schau entwickelt. AG

Die Galerie allerArt zeigt „Versammlungen“ der in Wien lebenden Künstlerin Miriam Bajtala

BLUDENZ Secondhand-Tennis – noch nie gehört? Erfinder dieser seltsamen Sportart für einen Spieler, für die man einen Maschendrahtzaun und gebrauchte Kleidungsstücke von der Caritas braucht, ist ein gewisser Herman, eine Figur und eine Geschichte, die wiederum eine Erfindung der Künstlerin Miriam Bajtala ist. Die in Bratislava geborene, in Wien lebende Künstlerin stellt ihre Ausstellung in der Galerie allerArt unter das Thema „Versammlung“.

Multimedial

In den insgesamt vier „Versammlungen“ in Bludenz vermengen sich die verschiedenen Medien, zwischen denen Miriam Bajtala leichthändig switcht. Aus dem Mix von Video, Fotografie, Zeichnungen, Text, Collagen und performativen Installationen bilden sich nicht nur Assoziationsketten. Die Künstlerin entwickelt vielmehr eine in sich sehr stimmige, in ihren Größenverhältnissen speziell für den Raum konzipierte und wie aus einem Guss wirkende Schau. Zugleich beschreitet Bajtala, die von der performativen Kunst kommt, in dieser von Andrea Fink kuratierten Ausstellung neue Wege. Den Ausgangspunkt für die installativen Komponenten bildet die Fotografie einer von Holzpfählen gestützten Höhle auf Sri Lanka. Diese vertikalen Stützen und Pfähle zeichnet die 48-Jährige ab, kopiert und vergrößert sie auf entsprechende Dimensionen und lässt sie hoch aufragend in den Galerieraum wachsen.

Grenzziehungen

Der Wechsel von Zeichnung und Fotografie, die tatsächliche, materialhafte Fortführung von gezeichneten oder fotografierten Elementen im Raum, wie den Stecken, auf denen Hermans über den zu hohen Zaun geworfene Kleider wie Fahnen wirken, die auf die Wand collagierten, kopierten Pfähle: Es sind die grundlegenden Parameter und Aspekte wie Raum, Zeit und Wahrnehmung sowie deren Verzahnungen, mit denen sich Miriam Bajtala auseinandersetzt. Immer bleibt dabei für die Künstlerin „ein unabbildbarer Rest“, Leerstellen, an denen sie sich herumdrückt, die sie mit eigenen Vorstellungen ausfüllt oder auch verfremdet. Grenzziehungen, Zäune oder Absperrungen sind Themen, die sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung ziehen. Die Titelrollen in den zwei weiteren Versammlungen übernehmen die Fotografie eines Kaktus („Agatha“) und die Zeichnung von Mehlsäcken aus einer indischen Mühle („Auf Besuch in Mumbai“).

Im Akkord

Aber auch an sozialer Geschichte und sozialen Konstruktionen, mitunter stark mit ihrer eigenen Biografie verknüpft, arbeitet sich Miriam Bajtala ab. So ergänzen drei Videoarbeiten die Mixed-Media-Formationen. „Im Akkord“ zeigt in abstrahierter Form, reduziert auf die Gesten, die Hand- und Fußbewegungen, die die Mutter der Künstlerin getaktet und automatisiert tagtäglich während ihrer jahrelangen Tätigkeit in einer Brillenfabrik ausführte. Um Erinnerung, Narration und Rückkehr geht es auch in „The only song I remember in slovak“, in dem vier Frauen aus drei Generationen zusammen, aber in ihrer jeweils eigenen Wohnung, ein slowakisches Volkslied singen. „3 Stimmen“ thematisiert die Emigration der Künstlerin, die im Alter von sieben Jahren mit ihrer Familie nach Österreich kam. Sprachverlust und Sprachaneignung sind ebenso Thema wie soziale und ökonomische Bedingungen. Ariane Grabher


Die Ausstellung ist in der Galerie allerArt, Remise Bludenz, Am Raiffeisenplatz 1, in Bludenz, bis 3. August geöffnet, jeweils Mi bis Sa, Sonn- und Feiertag, von 15 bis 18 Uhr.