Mit dem Rad gegen Windmühlen

Kultur / 17.07.2019 • 19:12 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Gábor Bretz debütiert in der Titelrolle der Oper „Don Quichotte“ von Massenet. Die Premiere findet am Donnerstagabend im Bregenzer Festspielhaus statt. VN/Stiplovsek
Gábor Bretz debütiert in der Titelrolle der Oper „Don Quichotte“ von Massenet. Die Premiere findet am Donnerstagabend im Bregenzer Festspielhaus statt. VN/Stiplovsek

Nach einem halben Jahr Rollenstudium geht er völlig in dieser Figur auf.

BREGENZ Er hat das rechte Alter, die hagere Statur und die dunkle Stimme für einen glaubhaften Don Quichotte. Im Privatleben ist er zudem Vater von sieben Kindern. Die hat der ungarische Bassbariton Gábor Bretz samt Frau Bernadett, die zuhause in Buda einen Schokoladenladen betreibt, gleich zu seinem Festspiel-Engagement nach Vorarlberg mitgebracht. Er lebt mit ihnen in Lauterach, für ihn „die Mitte der Welt, dieses schöne, schöne Dorf“, von wo er täglich ökobewusst mit dem Fahrrad zu seiner Arbeit als Don Quichotte im Kampf gegen Windmühlen ausrückt.

„Die Aufführung dieser Oper steht und fällt mit der Besetzung der Titelrolle, für die wir mit Gábor Bretz eine hervorragende Sängerpersönlichkeit gefunden haben“, legt Festspiel-Intendantin Elisabeth Sobotka die Latte hoch und streut ihm gleichzeitig Vorschuss-Lorbeeren für diese berühmt-berüchtigte Opernpartie, die Jules Massenet 1910 dem russischen Bassisten Fjodor Schaljapin auf den Leib geschrieben hat.

 

Wie groß ist der Respekt, wenn man in die Fußstapfen eines Schaljapin tritt?

BRETZ Die Herausforderung ist natürlich groß. Aber Massenet hat diese Partie in Absprache mit Schaljapin komponiert und sich an dessen Vorstellungen gehalten. Darum ist das alles sehr musikalisch und ideal für die Gesangstechnik geschrieben, mit wundervollen Melodien, und macht sehr viel Spaß. Nur lang ist die Rolle schon – Schaljapin muss viel Kondition gehabt haben (lacht).

 

Also Sie würden den Don Quichotte nicht als „Mörderpartie“ bezeichnen, wie man das oft hört?

BRETZ Nein, überhaupt nicht! Das ist eine angenehme und sehr schöne Aufgabe. Es ist zwar eine Bassrolle, aber sie ist gleichzeitig nicht so tief wie ein Osmin oder Sarastro bei Mozart und liegt mir als Bass­bariton deshalb besonders.

 

Sie sind zum ersten Mal hier. Wie waren die Arbeitsbedingungen in Bregenz?

BRETZ Also die ersten drei Wochen waren sehr anstrengend, wir haben jeden Tag von 10 bis 18 Uhr geprobt. Da muss man dann schon manchmal oktavieren oder markieren, damit man am Abend noch Stimme hat. Es war sehr intensiv, aber das Publikum wird staunen, was wir in diesen fünf Bildern alles vorbereitet haben. Wir haben ein Superteam, das bis in die kleinsten Rollen sehr stimmig besetzt ist.

 

Wie wird nun in dieser Oper die vielschichtige Persönlichkeit des Don Quichotte charakterisiert, was wird von Ihnen als Schauspieler gefordert?

BRETZ Wir haben eine hervorragende Zusammenarbeit mit Mariame Clément, unserer französischen Regisseurin. Sie hatte schon vor Probenbeginn ein konkretes Konzept und hat die Charaktere in ihren Beziehungen zueinander sehr genau herausgearbeitet. Im Don Quichotte erkenne ich immer wieder bestimmte Charakterzüge von Don Giovanni und Herzog Blaubart, die ich öfters singe. Er ist ein Idealist, der von Liebe angetrieben wird und nicht erreichen kann, was er begehrt.

 

Haben Sie diese wenig bekannte Partie eigens für Bregenz einstudiert?

BRETZ Ich kannte diese Oper gar nicht und singe diese Rolle zum ersten Mal, zum Einstudieren habe ich etwa ein halbes Jahr gebraucht. Dazu kam, dass das in Französisch war, einer Sprache, die ich liebe, in der ich aber selten singe. Und wir haben keinen Souffleur, da muss das gut sitzen. Ich hoffe auch, dass ich das nicht nur für diese drei Vorstellungen in Bregenz gelernt habe.

Ihr Name Bretz klingt so gar nicht ungarisch – gab es deutsche Vorfahren?

BRETZ (lacht) Ja, natürlich, „Bretz“ mit t-z, die kamen irgendwo aus Sachsen. Ich selbst bin aber in Budapest geboren und habe wie die meisten Opernsänger zunächst im Chor begonnen. Daneben habe ich Klavier gelernt, war aber zu faul zum Üben; und so bin ich schließlich Sänger geworden, aber erst mit 30. Denn vor der Musikakademie wollte ich zunächst noch Wirtschaft studieren.

 

Da waren Sie also ein Spätberufener?

BRETZ Nein, für einen Bass war das immer noch zu früh, der sollte zwischen 40 und 60 den Höhepunkt seiner Karriere erreichen. Ich habe mit 30 ziemlich viele Vorsingen gemacht, aber oft war das Problem, das ich zu jung war für Rocco oder Daland, für diese Vaterrollen, für die man Bässe braucht. Also für mich war es damals besser, die Jüngeren wie Don Giovanni, Leporello oder Figaro zu singen.

 

Gibt es noch Wunschrollen für Ihr Fach?

BRETZ Also Wagner habe ich ziemlich viel gesungen, etwa den Holländer in Oberammergau, aber der Hans Sachs in den „Meistersingern“ wäre für mich eine Traumpartie, auch der Ochs im „Rosenkavalier“ und einige interessante Verdi-Partien. Den Jochanaan in der Salzburger „Salome“ mache in anschließend wieder.

 

Möchten Sie in Bregenz gerne auch auf der Seebühne singen?

BRETZ Ja, natürlich, das wäre eine sehr schöne Erfahrung für mich.

 

Hatten Sie während der Proben auch etwas Zeit, mit Ihrer Familie den See und die Landschaft hier zu genießen?

BRETZ Ja, natürlich! Das ist hier wirklich einer meiner schönsten Urlaube – mit ein bisschen Arbeit dabei (lacht). Es geschieht sehr selten, dass ein Engagement einem so viel Spaß macht wie hier!

Zur Person

Gábor Bretz

Bassbariton, Opernsänger

Geboren 1974 in Budapest

Ausbildung Los Angeles, Konservatorium und Musikakademie Budapest

Stationen Regelmäßige Verpflichtungen an der Ungarischen Staatsoper Budapest, weitere Engagements bei den Wiener Festwochen, Salzburger Festspiele, Aix-en-Provence und den Opernhäusern New York, Moskau, Mailand und Berlin.

Repertoire Wichtigste Bass- und Bassbariton-Partien des internationalen Opernrepertoires; gefragter Konzertsänger im Mess- und Oratorienbereich

„Don Quichotte“ von Jules Massenet im Festspielhaus: Premiere 18. Juli, weitere Vorstellungen 21. Juli und 29. Juli. Gábor Bretz singt auch im Verdi-„Requiem“ am 22. Juli.