Mit Neuproduktion auf See wird Operngeschichte geschrieben

Kultur / 18.07.2019 • 04:52 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
„Rigoletto“ ging am Mittwochabend auf der Bregenzer Seebühne bei besten Bediangungen an den Start. STIPLOVSEK, VN/STEURER

Es bleibt einem die Spucke weg, noch nie war eine Seeinszenierung der Festspiele so spektakulär wie „Rigoletto“, nur wenige Fragen bleiben offen.

Christa Dietrich

Bregenz Der See blieb ruhig am gestrigen Premierenabend von „Rigoletto“. Am Schluss brandete viel Applaus für die Sänger der Hauptpartien und den Regisseur auf. Hat er die Vorgeschichte mitgekriegt? Wem nämlich Puccinis „Turandot“ etwas zu statisch war und wer bei Bizets „Carmen“ bemerkte, dass neue Projektionstechniken derart ausgeschöpft wurden, dass man beinahe gleich einen Film abspulen könnte, der bekommt nun mit „Rigoletto“, für den sich die Bregenzer Festspiele den deutschen Regisseur, Bühnenbildner und Filmschaffenden Philipp Stölzl holten, eines aufs Auge. Elisabeth Sobotka lässt mit der dritten Seebühnenproduktion ihrer Intendanz so richtig aufdrehen. Mögen schon in den 1990er-Jahren – etwa für „Nabucco“ – ganze Wände rauf- und runtergeklappt worden sein, mehr Bewegung und damit auch mehr Spektakel wie nun in dieser Verdi-Oper, die erstmals auf der Seebühne umgesetzt wird, gab es noch nie. Fragt sich, ob das der Geschichte mit dem berühmt gewordenen Gassenhauer „La donna è mobile“ dient? Wer mit der gewählten Erzählweise mithalten kann, der wird glücklich, die anderen weniger. Unter den rund 7000 Premierenbesuchern waren Letztere kaum wahrzunehmen.

In einen Zirkus verlagert

Stölzl und ein Technik-Team, das keine Herausforderung scheut, machen es den über 190.000 Zuschauern, die in dieser Saison allein für das Spiel auf dem See erwartet werden, nicht allzu schwer. „Rigoletto“ im Zirkus auftreten zu lassen, ist nicht abwegig. Dem Spaßmacher, den Belesene aus Victor Hugos Drama „Le roi s‘amuse“ kennen, wird arg mitgespielt, letztlich war aber auch er jener, der dem König bereitwillig eine Mätresse nach der anderen zuführte. Zensurbedingt musste die Handlung ins italienische Mantua verlegt werden, bei Stölzl ist es die Manege mit Jongleuren, Tierbändigern und einem Clown. Und damit es sich komplett rundet, spielt das Schauerdrama auf dem Kragen einer Clownsmarionette, der eine Arena bildet. Während der riesige Clownskopf, in dem sich das Schicksal von Rigoletto widerspiegelt, in einer der berührendsten Szenen einem aufsteigenden Ballon nachblickt, in dem Gilda mit ihrer Arie „Caro nome“ das neu entdeckte Gefühl der Liebe zum Ausdruck bringt, nach und nach zum Totenkopf mutiert, driftet auch dieser Kragen auseinander.

Rollendebüt in großer Höhe

Stölzl hat das Erzählen mit großen Gesten geradezu verinnerlicht, am gestrigen Premierenabend gelangte man zur Überzeugung, dass diese Szene wohl Operngeschichte schreiben wird. Zumal, wenn die koloraturenreiche Arie nahezu lupenrein gelingt. Die junge Französin Mélissa Petit debütiert in dieser Rolle, kommt mit dem Tempo und den exponiert hohen Tönen sehr gut zurecht. Sie hat ihr Timbre nach ihrem überzeugenden Auftritt als Micaela in der „Carmen“ des Vorjahres weiterentwickelt und bildet mit dem aus Bulgarien stammenden Vladimir Stoyanov ein Traumteam, das seine Möglichkeiten bei allem Spektakel bekommt. Denn in der ersten innigen Vater/Tochter-Szene auf der einen Hand, hält Stölzl sozusagen die Zeit an. Zuvor hat auch Dirigent Enrique Mazzola das Ensemble ganz schön gehetzt.  Eine Intention, der nicht alle gleich folgen konnten, doch diese Bemerkung entspricht dem Jammern auf hohem Niveau.

Die großen Rollen sind in Bregenz dreifach besetzt. Auch Stacey Alleaume und Scott Hendricks, Gilda und Rigoletto in der öffentlichen Generalprobe, finden bestens zusammen. Jedenfalls lässt sich sagen, dass an der Klangqualität enorm und mit entsprechender Wirkung geschraubt wurde. Mitunter gewann man den Eindruck, dass sich vor der Bühne wirklich ein Orchestergraben befindet. Dem ist nicht so, die Wiener Symphoniker sitzen im Festspielhaus. Sie können auf die Akustikanlage vertrauen und machen auch in diesem großen Raum Feinheiten der Partitur hörbar, die uns die Charaktere der Handelnden zwar nicht komplett erschließt, aber zwiespältige Gefühlsspektren offenbart. Das gilt für den Herzog, der hier ein Zirkusdirektor ist, wie für Rigoletto. Hilft uns die Regie weiter? Nicht unbedingt und nicht überall und das ist auch ein kleines Manko dieser Produktion oder vielleicht einfach ein Kompromiss. Psychologische Hintergründe sucht man in den Bildern vergeblich. Dafür gibt es Horrorszenarien im Breitwandformat und Bilder, bei denen einem die Spucke wegbleibt. Etwa, wenn der Kopf bis über den Mund ins Bodenseewasser eintaucht, wenn dabei die Augen grimmig in jegliche Richtung blicken oder wenn der Mund nicht nur zum Liebesnest, pardon, zur Sexspielwiese oder zum Tatort wird, sondern zum gefräßigen Schlund, der versinnbildlicht, dass Rigoletto den Rachegeist, den er rief, nicht mehr los wird, bis er selbst das Opfer ist. Da begegnet die Urform des Theaters, das Marionettenspiel, den heutigen Trickmöglichkeiten, aus denen Filmemacher wie Bühnenzauberer schöpfen. Das ist so einnehmend wie genial gelöst und lässt nicht mehr los.

Wer sich auf diese Erzählweise einlässt, erlebt die Sogwirkung, ist nach etwa 20 Minuten, die für den einen oder anderen Besucher, wie man erfahren konnte, noch etwas irritierend waren, weil man die  Protagonisten im Gewusel aus den Augen verlor, mittendrin im Geschehen. Man lässt sich einfangen bis hin zu jenen Szenen, in denen auch diese weltweit einzigartige Freiluftopernproduktion an eine Grenze stößt, die hinterfragbar bleibt. Dann nämlich, wenn die Szenen, diese Abseil- und Hängemattenakte derart waghalsig sind, dass gedoubelt werden muss. Oft ist es nicht der Fall: Chapeau! den Sängerinnen und Sängern.

Auf den Punkt gebracht

Der Amerikaner Stephen Costello bringt für die Rolle des Herzogs bzw. Zirkusdirektors eine schöne Bandbreite an Emotionen und entsprechende Kraft ein. Die szenische Überraschung für sein „La donna é mobile“ liefert die Regie als ironisches Bild mit den besungenen flatterhaften Wesen, die ihn der Lächerlichkeit preisgeben. Philipp Stölzl ist erfahren genug, um die Dinge auf den Punkt zu bringen. Verschonen muss auch er den Macho, der vor Verbrechen nicht zurückschreckt, Bestrafung hat der Komponist für ihn nicht vorgesehen. Dass er in kurzen Momenten auch Liebender ist, lässt der Tenor hören, dass ihm mit Maddalena eine durchaus starke Frau entgegentritt, macht Katrin Wundsam auch in diesem riesigen Raum deutlich. Egal, wenn kurz das Mikro weg war, dem Drive entspricht auch Miklos Sebestyén als Sparafucile und die Stimme von Kostas Smoriginas (Monterone) geht in der Tat etwas durch Mark und Bein. Verändert wird nichts, nur verstärkt, dass Wolfgang Stefan Schwaiger den Marullo singt, spricht für eine Besetzung mit Bedacht.

Apropos Zirkus: Die Aufführung am Vorplatz mit Akrobatik beginnen zu lassen, ist eine gute Idee. Vorarlberger Künstler begleiten kompetent wie eine kleine Straßenmusikertruppe den Einzug auf die Tribüne, wo sich die Sichtachse dann weitet. Das Wired Aerial Theatre ist geschult im Aufheben der Schwerkraft und macht neben den großen Stunts und Trapezakten viele akrobatische Einlagen in den kleinen Szenen erst möglich. Einiges hält man wohl bewusst etwas verdeckt wie den reizvollen Verweis auf den „Zauberer von Oz“. Wer es heuer nicht geschafft hat, im Besitz von einer der rund 190.000 Tickets zu sein, erhält im nächsten Jahr eine weitere Chance, sich eine Geschichte auf eine völlig andere Art erzählen zu lassen.

Neben „Rigoletto“ haben die Festspiele heuer bis 18. August die Opern „Don Quichotte“, „Eugen Onegin“ und „Der Reigen“ sowie das Schauspiel „Don Quijote“ im Programm. Dazu kommen Konzerte und weitere Projekte.