Selten so gelacht in der Oper

Kultur / 18.07.2019 • 23:30 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Selten so gelacht in der Oper
Regisseurin Mariame Clément lässt die Oper „Don Quichotte“ von Jules Massenet  in verschiedenen Zeitebenen spielen.  VN/STIPLOVSEK

Die Zerlegung von Massenets “Don Quichotte” in fünf Einzelteile gerät zum großen, kompakten Festspielereignis.

Bregenz Die Insider antworten mit Miguel de Cervantes und einem der besten, in den Bereich der Weltliteratur vorgerückten Bücher, aber auch sonst wird niemand bei der Frage, was einem zu Don Quichotte einfällt, verlegen. Der Kampf gegen Windmühlen und Sancho Pansa stehen vermutlich weit oben auf der Begriffsliste, gefolgt vom Pferd Rosinante, der Tatsache, dass eine Rasierschüssel zum Ritterhelm wurde, und Dulcinea. Vertonungen gibt es zuhauf, ins Allgemeinwissen eingegliedert haben sie sich, abgesehen vielleicht von den Variationen von Richard Strauss, so gut wie kaum. Dabei zeigte sich erst am gestrigen Premierenabend bei den Bregenzer Festspielen wieder, dass die 1910 in Monte Carlo uraufgeführte Oper „Don Quichotte“ von Jules Massenet an sich denselben Stellenwert haben sollte wie sein weitaus öfter gespielter „Werther“. Hier Miguel de Cervantes, dort Johann Wolfgang von Goethe, am Urheber des Basisstoffs kann die Ungleichbehandlung nicht liegen. An der Herausforderung für Sänger auch nicht.

Dass dem Librettisten Henri Cain bei der bühnengerechten Eindampfung des 1605 erstmals erschienenen Textes im Grunde ein Verrat an Cervantes unterlaufen ist, hat Mariame Clément Sorgen bereitet. Die französische Regisseurin, die wieder mit der deutschen Ausstatterin Julia Hansen zusammenarbeitet, nimmt das Werk, um genussvoll darzulegen, dass es mittlerweile höchst an der Zeit ist, dass Männer beweisen, dass sie alles das auch hinterfragen, was Frauen hinterfragen. Kurzum: Es geht in ihrer Inszenierung um Rollen- und Heldenbilder und nach den fünf Akten, die zuweilen Anlass dazu gaben, selten so gelacht zu haben, stellt man vergnügt fest, dass alles herausgeholt wurde, was die Partitur und das Libretto hergeben.

Selbst- und Fremdbespiegelung

Mitunter sogar noch mehr. Denn während das immer noch zu hörende Urteil, dass diese Musik parfümiert sei, gelinde gesagt, eine Frechheit ist, das heißt, lediglich auf sehr oberflächlicher Betrachtung basieren kann, sind die Handlungsstränge der einzelnen Episoden in der Tat dünn. Da muss Psychologie nachgereicht werden, wofür Mariame Clément aus dem Roman schöpft, aus dem hervorgeht, dass dieser Mann aus der Mancha mit den Möglichkeiten der Selbst- und Fremdbespiegelung  oder -beobachtung ein kluges Spiel treibt. Es führt zur Erkenntnis, dass der Ritter von der traurigen Gestalt genau weiß, was er tut, wenn er mit der Rasierschüssel auf dem Kopf durch die Lande zieht. In der Festspielproduktion ist es dann auch einmal das Trikot von Spiderman, ein Bademantel oder ein biederes Bürooutfit. Gecheckt? Die Regisseurin und die Ausstatterin kurven bei ihrer Darstellung von Männerbildern durch die Jahrhunderte. Die Musik erlaubt es auf jeden Fall. Wenn das Werk damals schon nicht zu jenen zählte, die auf der Höhe der Zeit standen, ist es zudem egal, in welcher Epoche wir uns befinden, Hauptsache, eines vom Wesentlichen, nämlich der Stimmklang kann sich entfalten. Der Handlung tut die Switcherei gut. Wie Don Quichotte mit seiner (scheinbaren) Naivität die Menschen rührt, kann rasch zum Kitsch verkommen.

Sängerschauspieler par excellence

Clément unterfüttert die Aufzüge mit viel Komödiantik, witziger Poesie, aber niemals mit Ironie. Da wird im ersten, historisch angelegten Akt bereits deutlich, dass die Liebe zu Dulcinée eine Illusion ist, da haben wir im dritten Akt dann die Räuber als Jugendbande, die  – die Graffitis unterstreichen es – gegen die ungerechte Verteilung der Güter protestiert, und da schlägt die Komik in der zweiten Szene, die in einem modernen Badezimmer spielt, so wunderbar zu, weil mit Gábor Bretz und David Stout zwei Sängerdarsteller par excellence engagiert wurden. Viel Rasierschaum, ein Ventilator, der zu den Windmühlen-Riesen mutiert und ein Leck, aus dem ständig Wasser spritzt: das Chaos ist zwar perfekt, würde aber zum platten Witz werden, wenn die Regie alle Szenen nicht so angelegt hätte, dass sich die Protagonisten von außen betrachten. Von Theaterstühlen aus, die jenen im Festspielhaus ähnlich sind. Und auch das Intro mit dem Besucher, der sich in Halbsätzen über das Verschwinden richtiger Männer beklagt, versteht man als Teil des Konzeptes, auch wenn solch eine Idee eher schon ausgelutscht ist.

Daniel Cohen setzt am Pult der Wiener Symphoniker auf die erwähnte Klangwirkung. Gábor Bretz rechtfertigt diese Entscheidung mit einer Stimme und einer Technik, die in den Massenet-Interpretationen mit einer Reihe von Sternen festzuschreiben ist, und David Stout, den man in der Region von Auftritten in St. Gallen kennt, ist bester Mittler der Schönheit dieser Musik. Anna Goryachova gefällt mit Präzision, Kultiviertheit und vielschichtig ausgefeiltem Spiel. In einer Büroszene (Akt Nr. 4) haben Léonie Renaud, Vera Maria Bitter, Paul Schweinester und Patrick Reiter exzellent zugespitzte Auftritte. Applaus und Jubel bestätigten das Ereignis.

Weitere Aufführungen von “Don Quichotte” am 21. und 29. Juli im Bregenzer Festspielhaus. Schauspiel “Don Quijote” am 20., 22. und 23. Juli im Theater am Kornmarkt.

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