Vielschichtiger Blick auf einen Adria-Urlaub

Kultur / 19.07.2019 • 18:07 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Sehnsucht Meer vom Glück in JesoloRaetia, 248 Seiten, zahlreiche Fotos

Sehnsucht Meer vom Glück in Jesolo

Raetia, 248 Seiten,
zahlreiche Fotos

Schöpf und Hörtnagl widmen sich einem besonderen Ort.

Roman Zwei ehemalige Schulkollegen aus der Feldkircher Stella Matutina haben sich im gesetzten Alter zu einem ungewöhnlichen gemeinsamen Buchprojekt gefunden. Die Rede ist vom Tiroler Schriftsteller Alois Schöpf und vom in Schweden lebenden Fotograf und Filmemacher Erich Hörtnagl. In beider Biografie spielen nicht nur ihre Tiroler Herkunft und ihre Jahre in Feldkirch eine prägende Rolle, sondern auch ihre Ferienaufenthalte im italienischen Badeort Jesolo. Der Autor Schöpf hat diese Familientradition auch als Erwachsener beibehalten und nun Jesolo zum Ausgangspunkt für intensive Reflexionen über das „richtige Leben“ im Allgemeinen und über sein eigenes im Besonderen gemacht.

Schöpf beginnt mit essayistischen Betrachtungen zum modernen Tourismus, zur Sehnsucht der Nordländer nach Sonne und Meer und zu den aus der Mode gekommenen Stammgästen in einer Welt der Mobilität und des Erlebnishungers. Bei allen seinen wissenswerten und zum Teil amüsanten kulturhistorischen und zivilisationskritischen Exkursen nimmt der Autor immer wieder gekonnt die Kurve zurück in sein Jesolo, das er engagiert gegen die naserümpfenden Bildungsbürger, die „sich nicht mit dem Massentourismus gemein machen wollen“ (S. 9) in Schutz nimmt.

Für ihn besteht die Faszination des Adria-Ortes in seiner „stringenten Anordnung von Meer, Strand, Liegestühlen, Promenade und daran anschließende Hotels“ (S. 13) und im „silbernebligen Adrialicht“ (S. 10). Ein plausibler Grund fürs jährliche Wiederkommen besteht in der leichten und selbstbestimmten Erreichbarkeit und der steten Chance, den Ort auch jederzeit verlassen zu können, ohne an Flugpläne gebunden zu sein.

Reflexion der Existenz

Der zweite Teil des Bandes wird persönlicher. Der Adria-Urlaub wird hier zusehend zum Anlass dafür, die private Existenz zu reflektieren und an Vergleichswerten zu messen und zu relativieren. Die Stimmung in Jesolo spiegelt die erreichte Abgeklärtheit des Autors. „Langsam wird es Abend“, heißt es da, „die schönste Zeit des Tages, magisches Licht, Traurigkeit.“ (S. 172) Damit ist auch die Grundstimmung der Bilder von Erich Hörtnagl charakterisiert. Zwar folgt er weitgehend den thematischen Vorgaben des Textes, seine Bildsprache aber ist eine stilistisch völlig eigenständige. Hörtnagel illustriert nicht den Text, vielmehr verstärkt er angesprochene Stimmungen und verdichtet mit seinen Schwarz-Weiß-Bildern das Strandleben zu einer eigenen Erzählung mit melancholischem Grundton. Das vom Text verbreitete Licht der Aufklärung wird durch die Bilder nuanciert abgeschattet.

Das Buch berichtet nicht nur „vom Glück in Jesolo“, es ist ein Glück für Jesolo; nämlich ein liebevoll-kritischer Blick auf einen zu Unrecht aus der Liste schicker Urlaubsdestinationen gestrichenen Ort. Ein Glück für Leser und Betrachter, dass die alten Freunde sich zu einem neuen Projekt gefunden haben. mp