Den Zauber wirken lassen: Vielversprechender „Don Quijote“

Kultur / 21.07.2019 • 20:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Schauspielpremiere im Rahmen der Bregenzer Festspiele: Wolfram Koch und Ulrich Matthes in "Don Quijote". VN/Hartinger, DT/Arno Declair
Schauspielpremiere im Rahmen der Bregenzer Festspiele: Wolfram Koch und Ulrich Matthes in „Don Quijote“. VN/Hartinger, DT/Arno Declair

Ulrich Matthes und Wolfram Koch liefern mit „Don Quijote“ den Start einer hoffentlich langen Festspielfreundschaft.

Christa Dietrich

Bregenz Von Vornherein kann man es nicht wissen und nicht einmal intendieren, dass es zusammengeht, nämlich im Rahmen eines Festivals die Oper „Don Quichotte“ von Jules Massenet zu spielen und dann auch noch eine Sprechtheateradaption des berühmten Romans von Miguel de Cervantes anzubieten. Seit Samstagabend steht es fest: Es geht bestens zusammen. Und das obwohl oder gerade weil, abgesehen von der Musik, auch die den Produktionen zugrunde liegenden Regieansätze völlig andere sind. Während die französische Opernregisseurin Mariame Clément die Richtung mit ihrer höchst ersprießlichen Geschichte über männliche Rollenbilder anzeigt, für die ihr der Ritter und sein Knappe die Vorlagen liefern, hält sich Jan Bosse zurück. Letzterer ist Regisseur am Deutschen Theater Berlin, das mit einer Produktion, deren Erstaufführung in Bregenz stattfindet, nun nach einer mehrjährigen Pause die Zusammenarbeit mit den Festspielen wieder aufnimmt.

Vielschichtiger Wortwitz

Dass dieser Don Quijote von der Mancha gerade in der Oper zur Figur mutiert, die es dem Betrachter leicht macht, sie in sich oder im Gegenüber zu erkennen, ist ein interessanter Aspekt beim Blick auf beide Projekte. Beim Schauspiel, der direkteren Theaterform, in der sich die Musik auch als unterstützendes Element niemals aufdrängt, stellt sich dieser Moment kaum ein. Ist vielleicht auch gut so. Die Menschen gegen das Böse zu verteidigen, diese Absicht des verarmten Junkers, den Miguel de Cervantes nach dem Lesen von vielen Ritterromanen zu Beginn des 17. Jahrhunderts zu Heldentaten aufbrechen lässt, scheint zwar im Vorwort des Deutschen Theaters zu dieser Produktion noch auf, Jan Bosse lässt sie aber mehr oder weniger links liegen, eliminiert gar noch einige Weltverbesserungsszenen aus der Bühnenadaption, die der deutsche Autor Jakob Nolte als hochspannende, intelligente und mit vielschichtigem Witz durchzogene Essenz aus der Romanübersetzung von Susanne Lange filtriert hat.

Eine enorme Leistung bietet somit die Grundlage für ein Stück, das seine Botschaft nicht so einfach preisgibt, Paraphrasierungswütige könnten sonst allzu rasch banale Schlüsse ziehen. Die Regie lässt kein humanes Handeln in den Kämpfen von Don Quijote und auch Sancho Panza erkennen: Es ist vielmehr die Fantasie und das daraus abgeleitete Spiel, das dazu anregt, darüber nachzudenken, was denn nun ein humanes Handeln wäre. Einmal während des zweieinhalbstündigen Abends darf das dann durchaus deutlich werden: Während Don Quijote unter anderem über die Freiheit spricht, spannt Sancho ein Seil hinaus in den Publikumsraum, als wolle er die Einbeziehung der Menschen in das Spiel eigens betonen.

Dynamik

Dass das Theatermachen an sich ein Thema bei diesen doppelten Spiegelungen und Meta-Ebenen ist, versteht sich von selbst und hat zur Realisierung einer einfachen, pointierten Bühnenbildidee von Stéphane Laimé geführt. Eine große Kiste wird als einziges Element über die neblige Bühne gezogen, sie dient als Auftrittspodium sowie für den Ortswechsel, ist Bürde, Versteck und die Welt an sich. Wenn Don Quijote mühelos oben agiert, während Sancho trotz allen Wollens rasch und im wahrsten Sinne des Wortes die Patschen streckt, erfährt das ewige Diener-Herr-Thema zumindest eine Entsprechung. Im Dialog verstehen es die beiden, dieses nämlich wunderbar zu brechen. Sancho Panza, der geerdete, der so wunderbar klar macht, dass er mit der Karikatur zu spielen versteht, die sich Kathrin Plath (Kostüme) mit dickem Bauch und Stretchleggings für ihn ausgedacht hat, kommuniziert mit seinem Herrn, diesem hageren Typen in Kittel, Kettenhemd und gebasteltem Helm immer wieder auf Augenhöhe. Mehr Dynamik, Klugheit und Mutterwitz, die Wolfram Koch zum Ausdruck bringt, geht nicht. Um daneben nicht zu verblassen, braucht es die leise, aber einnehmende Naivität und zugleich die mitunter nicht trotzige, aber in einem schönen Maß zornige Bestimmtheit, mit der Ulrich Matthes agiert. Den Zauber wirken lassen, das kann man, wenn man seinen Möglichkeiten derart vertrauen darf, dass Pathos nicht aufkommt, auch wenn der Grat ein sehr schmaler ist.

Auch wenn der Schluss Erwartungen erfüllt, wird diese Grenze nicht überschritten. Nachdem Don Quijote die Welt verlassen hat, nimmt sich Sancho Panza nicht den Helm mit diesem aus der Peace-&-Love-Ära übriggebliebenen Blumenkranz, sondern den Ritterhandschuh. Er wirkt etwas groß, aber besser man versucht das mit dem Kampf für Frieden und Freiheit, als man lässt es.

„Don Quijote“ wird ab Oktober im Deutschen Theater in Berlin gespielt. Auch ohne Vergleichsmöglichkeit mit der Bregenzer Opernversion wird man sich wohl auf eine lange Laufzeit einstellen können. Der Applaus und der Jubel des Publikums im Bregenzer Kornmarkttheater runden das Bild von einem vielversprechenden Start ab.

Weitere Aufführungen von „Don Quijote“ im Bregenzer Kornmarkttheater am 22. und 23. Juli, jeweils 19.30 Uhr. Berlin-Premiere am 12. Oktober im Deutschen Theater.