Deutliche Worte und einzigartige Töne

Kultur / 22.07.2019 • 22:33 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Nikolaus Habjan begeisterte das Festspiel-Publikum.BF/Köhler
Nikolaus Habjan begeisterte das Festspiel-Publikum.BF/Köhler

Nikolaus Habjan bescherte als Puppenspieler und Kunstpfeifer einen intensiven Abend.

Bregenz Wer „Böhm“, das von Paulus Hochgatterer geschriebene und von Nikolaus Habjan als Puppenspieler, Regisseur und Schauspieler umgesetzte Stück, diesen auf die Biografie des Dirigenten Karl Böhm bezogenen, bestens funktionierenden Beitrag zum Verhältnis von Künstlern zur Politik, noch nicht gesehen hat, braucht sich nicht auf große Tour zu begeben. Nachdem die Bregenzer Festspiele die Produktion des Schauspielhauses Graz im Vorjahr in das Programm nahmen und damit für weitere Verbreitung dieser so wichtigen Auseinandersetzung mit Verantwortung, Musikgeschichte, Geschichte und deren Heraufwirken in die Gegenwart sorgten, fanden weitere Gastspiele statt. Anfang Oktober gibt es Aufführungen im Theater am Kirchplatz in Schaan.

Nikolaus Habjan (geb. 1987), der mittlerweile auch Opern, etwa „Oberon“, und große Schauspielklassiker wie „Nathan der Weise“ inszeniert hat, ist seit seinem Mitwirken an der „Staatsoperette“ von Franz Novotny und Otto M. Zykan vor ein paar Jahren bei den Bregenzer Festspielen nicht nur immer wieder gern gesehener Gast, dem Festakt zur diesjährigen Eröffnung hätte ohne seine Beiträge Wesentliches gefehlt. Dazu zählen auch die Auftritte als Kunstpfeifer.

Starkes Kurzdrama

Als solcher bestritt er nun einen Abend in der Reihe „Musik & Poesie“. Und nicht nur das, denn für die Berücksichtigung des literarischen Textes, auf den der Titel dieses beliebten Festspiel-Formates schließen lässt, sorgte wiederum der Schriftsteller und Psychiater Paulus Hochgatterer. In Anspielung auf die Inszenierung von „Rigoletto“ auf der Seebühne wurde in einer kurzen Sequenz mit entsprechender Puppe das Schicksal eines Menschen bzw. „Narren“ verdeutlicht, der für Zerstreuung zu sorgen hat, wenn der Mächtige ruft, dessen eigene Bedürfnisse und Sehnsüchte aber kein Thema sind. Noch deutlicher wird die Botschaft, wenn es im Rahmen dieses starken Kurzdramas darum geht, den Begriff Gesindel zu definieren. Es sei kein schönes Wort, machte Habjan als Puppenspieler deutlich, aber mitunter gibt es kein anderes, etwa dann, wenn es Menschen zu benennen gelte, die den Schwachen etwas wegnehmen, obwohl sie es gar nicht brauchen.

Ganz still wurde es da im vollbesetzten Seestudio des Festspielhauses. Man hatte Nikolaus Habjan, der keine Scheu kennt, wenn es darum geht, auf Menschenverachtung in der Politik hinzuweisen, gut zugehört. Sein Stück „F. Zawrel“ über einen Überlebenden der Euthanasie während der Zeit des Nationalsozialismus und Zeugen der Vertuschungen in den Jahrzehnten danach, inszeniert vom Bregenzer Simon Meusburger, wird immer noch gespielt. Mithilfe der Ideen von Habjan und Meusburger kam es auch zur Umsetzung eines Haydn-Projektes, an dem der Vorarlberger Musiker Klaus Christa beteiligt war.

Anspruchsvolle Arien

Dass viel Musikalität in Nikolaus Habjan steckt, ist jenen, die ihm in seinen Rollen begegneten, klar. Dass er sie immer noch auch als Kunstpfeifer zum Ausdruck bringt, bereitet besonderes Vergnügen und versetzt ins Staunen. Denn der Künstler wählt nicht nur die Hits und Gassenhauer. Im Programm, das er nun mit der österreichischen Pianistin Ines Schüttengruber realisierte, reihte sich eine anspruchsvolle Partie auf die andere. Nach der ersten großen Arie der Alcina aus der gleichnamigen Oper von Händel wurde den Zuhörern gleich noch viel musikgeschichtliches Wissen vermittelt, und zwar ungemein spannend und so, dass man neben der Tatsache, dass Habjan sämtliche Werke auswendig drauf hat, auch seinen Witz estimiert. „Idomeneo“ ist also seine Lieblingsoper von Mozart. Ilia und Elektra, die beiden mehr oder weniger unglücklich Verliebten, werden fein charakterisiert, und der Kraftakt, den Leonore in Beethovens „Fidelio“ vollbringt, wird auch mit Pfeiftönen plausibel.

Wer das Kunstpfeifen eher in den Bereich des Cabarets verbannt hat, leistet innerlich Abbitte und gibt sich nur noch dem Genuss einer einzigartigen Darbietung hin, wobei die Entscheidung schwerfällt, ob man nun dem Cherubino (aus Mozarts „Figaro“) mit seinem gesungenen „Voi che sapete . . .“ den Vorzug geben soll oder der lupenreinen und dabei so witzigen Interpretation von Nikolaus Habjan. Vielleicht sollte sich die Frage auch gar nicht stellen, von Verdis „Il trovatore“ bis Puccinis „Turandot“ und Schubert-Liedern reicht das Repertoire, das das Publikum so begeisterte, dass es sich mit stehenden Ovationen bedankte. VN-CD

„Musik & Poesie“: 28. Juli, Aytaj Shikhalizada u. Sergey Romanovsky (Tschaikowskij, Puschkin); 4. August, Cölner Barockorchester, Michael Köhlmeier (Thema Narren).