„Keusch waren die damals sicher nicht“

Kultur / 26.07.2019 • 21:40 Uhr / 6 Minuten Lesezeit

Bernhard Lang schuf die Oper „Der Reigen“, deren Österreich-Premiere bei den Bregenzer Festspielen stattfindet.

Christa Dietrich

Bregenz Mit der österreichischen Krankheit des Jammerns sei er keinesfalls infiziert, erklärt Bernhard Lang, ihm gehe es sehr gut mit seinen Aufführungen, fügt der gebürtige Linzer, dessen Werke vor allem auch von Theaterunternehmen außerhalb Österreichs gespielt werden, im Gespräch mit den VN an. Warum seine Oper „Der Reigen“ mit dem Libretto von Michael Sturminger nach dem berühmt gewordenen, 1920 uraufgeführten Drama von Arthur Schnitzler hierzulande noch nie gezeigt wurde, das müsse man aber schon im österreichischen Kulturbetrieb erfragen. Vielleicht hänge es wie in der bildenden Kunst mit dem Lobbyismus oder der Macht der Verlage zusammen: „Ob ein Stück gut oder schlecht ist, spielt dabei keine so große Rolle.“

Eine gewisse Ironie

Grundsätzlich müsse er Österreich aber in Schutz nehmen, denn seine Oper „Hiob“ nach dem Roman von Joseph Roth wird in der übernächsten Spielzeit am Theater in Klagenfurt uraufgeführt. Eine gewisse Ironie zeige sich allerdings in der Tatsache, dass „Der Reigen“ vor ein paar Jahren bei den Festspielen Schwetzingen uraufgeführt und dann in Tschechien gezeigt wurde, wofür er in Österreich einen Preis, nämlich den Outstanding Artist Award erhielt.

Jetzt ist es jedenfalls so weit, die Bregenzer Festspiele präsentieren die Oper in einer Neuinszenierung von Alexandra Liedtke, die Premiere findet in der kommenden Woche statt, im November kommt die Produktion unter der musikalischen Leitung von Walter Kobéra nach Wien. Begonnen hat alles in Basel. Unter Georges Delnon hat der Komponist und Uni-Professor „Der Alte vom Berge“ realisiert. Delnon hatte ihn auf den „Reigen“ aufmerksam gemacht und das Werk in Schwetzingen inszeniert. Lang kannte es noch vom Germanistikstudium sehr gut, „dieses Nebeneinander von verzweifelter Komik und Verzweiflung pur“ sei der Ästhetik des Theaters der Wiederholungen sehr nahe gewesen: „Es war eine große Chance für mich, eine affine Struktur in meiner musikalischen Sprache zu finden. Die Serialität des Stücks hat meine Arbeit einfach gemacht. Es gibt die Verwendung der Loops, die man in den Textloops sehr deutlich sieht.“

Was er bis jetzt in Bregenz gesehen habe, sei eine hochintelligente Herangehensweise: „Es ist ein Geschenk für einen Komponisten mehrere Aufführungen zu erfahren. Es ist auch die Idee des Musiktheaters, Kunst zu schaffen, die für die Interpretation offen ist. Das stellt für mich einen kulturellen Mehrwert dar, der oft heruntergespielt wird.“

Ein Psychoanalytiker

Schnitzler zeigt in seinen Dialogen zehn Personen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten, die aufeinandertreffen, sexuellen Kontakt haben und zur nächsten Person wechseln. Abgesehen von der Szene mit einer Prostituierten wird die Absicht kaschiert, es wird gelogen und dem Gegenüber etwas vorgemacht, gerade was die Kommunikation zwischen den Eheleuten betrifft, wirkt das Verhalten der Frau eher den damaligen gesellschaftlichen Normen angepasst und damit aus heutiger Sicht nicht unbedingt nachvollziehbar. Bernhard Lang widerspricht dieser Annahme, denn gerade diese Frau lebe ihre Sexualität durchaus aus, sie komme gerade von einem Geliebten, verschleiere dies nur vor ihrem Mann. „Sie ist keinesfalls eine zölibatäre Ehefrau, sondern jemand, der selbstbewusst eine Entscheidung fällt. Die Ehefrau, die Schnitzler hier zeigt, ging nicht konform mit der damaligen Zeit. Schnitzler nimmt zudem die Rolle eines Psychoanalytikers ein und nicht die des Moralisten.“ Die Offenheit mache dieses Stück bis heute so erfolgreich. „Wenn der Text verstaubt wäre, würde ihn das Theater schneller ausspucken als wir uns hier unterhalten können.“ Es gäbe hier die Lebenslüge, Menschen, die einander und sich etwas vormachen und das zeige auch die Gesellschaft. Bernhard Lang wird sogar noch deutlicher: „Keusch waren die damals sicher nicht. Und was ich heute sehe, ist leider kein offener fortschrittlicher Umgang mit der Sexualität.“ Auch mit dem Frauenbild sehe es heutzutage leider nicht besser aus.

Und was ist mit jenen Stellen, die Schnitzler mit Bindestrichen markiert hat?  „Das muss man hören. Von der musikalischen Semantik her habe ich versucht, große leere Leinwände zu produzieren. Die Erzählung bleibt einen Moment stehen, man kann sich vorstellen, was man will.“ In einer älteren Fassung habe er den Geschlechtsakt unter Zuhilfenahme von expliziter Operettenliteratur auskomponiert. Diese Idee wurde aber sofort eliminiert. Lang: „Die Auslassung sagt viel mehr aus.“

„Was ich heute sehe, ist leider kein fortschrittlicher Umgang mit der Sexualität.“

Zur Person

Bernhard Lang

Geboren 1957 in Linz

Ausbildung Studium am Brucknerkonservatorium und an der Kunstuniversität Graz

Tätigkeit Komponist, Professor für Komposition

Werke u. a. „Theater der Wiederholungen“, „Montezuma – Fallender Adler“, „ I hate Mozart“, „Der Reigen“, Kammermusik, elektronische Kompositionen, Hörspielmusik, Tanztheater, Filmmusik, Klanginstallationen, Aufführungen bei zahlreichen Festspielen

Die Oper „Der Reigen“ von Bernhard Lang wird am 30. und 31. Juli, jeweils 20 Uhr, im Rahmen der Bregenzer Festspiele auf der Werkstattbühne aufgeführt.