Schattenburg-Konzert: Musik gegen das Vergessenwerden

30.07.2019 • 14:27 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das Rodin-Quartett musizierte im Rahmen der beliebten Konzertreihe im vollbesetzten Rittersaal der Feldkircher Schattenburg.  JU
Das Rodin-Quartett musizierte im Rahmen der beliebten Konzertreihe im vollbesetzten Rittersaal der Feldkircher Schattenburg.  JU

Das Rodin-Quartett führte in die wundersame Klangwelt des Feldkirchers Karl Bleyle.

FELDKIRCH Auch bei zwei sehr populären Werken von Mozart und Dvorák im Programm wurde auf der Schattenburg für viele Besucher das praktisch unbekannte späte Streichquartett in h-Moll, op. 62, von Karl Bleyle zum emotionalen Mittelpunkt im Konzert des renommierten Münchner Rodin-Quartetts. Den 1880 in Feldkirch geborenen Komponisten anlässlich seines heurigen 50. Todestags auf diese Weise in Erinnerung zu rufen, war eine bemerkenswerte Idee der veranstaltenden Gesellschaft der Musikfreunde.

Bleyle hat schon mit neun Jahren mit seiner Familie die Heimatstadt Richtung Stuttgart verlassen und erlebte nach seiner Ausbildung beim berühmten Ludwig Thuille in München vor dem Ersten Weltkrieg eine Zeit, die ihn im Bekanntheitsgrad beinahe an die Seite seines großen Mentors Richard Strauss rückte. Während dieser sich jedoch in seinen Opern wie „Salome“ oder „Elektra“ zusehends den Strömungen der Neuen Musik öffnete, blieb Bleyle stark in der Tradition etwa eines Johannes Brahms verhaftet, aus der er nach eigenen Worten auch seine Kraft schöpfte.

Von stiller Würde

Daraus erklärt sich auch die melodienselig spätromantische, nur ganz leicht geschärfte Anlage seines in den 40er-Jahren entstandenen letzten Streichquartetts h-Moll. Der Beginn mit einem Fugenthema gibt die Richtung vor: Der Kontrapunkt wird zum prägenden Merkmal dieses Werks, das sich in einer handwerklich gekonnten Verarbeitung prächtig entwickelt und schon im ersten Satz zu voller Schönheit aufblüht. „Molto espressivo“, in einem dichten Satz von stiller Würde entsteht das Adagio, das auch zur Beerdigung des Komponisten 1969 in Stuttgart gespielt wurde. Das Scherzo ist eine vom Cello angestimmte wilde Jagd in aufgerauten Triolen mit einem originellen Pizzicato-Trio. Der letzte Satz setzt in stampfenden Rhythmen eine Art Rufezeichen unter das halbstündige kompakte Werk.

Im vollbesetzten Rittersaal der Schattenburg ist es wie üblich drückend heiß, die staubtrockene Akustik verlangt von den Musikern Knochenarbeit, um zu einem gerundeten Klang zu kommen. Unter diesen Umständen ist beachtlich, welche Sorgfalt und Empathie das seit 1993 in dieser Besetzung bestehende, international beachtete Rodin-Quartett auf dieses Werk verwendet. Da ist, wo notwendig, echte Leidenschaft im Spiel, da werden schöne Einfälle prominent platziert und auch harmonisch leicht angeraute Stellen bewusst ausgekostet, was dem Werk seine Lebendigkeit garantiert. So hat diese Aufführung in Anwesenheit der Enkelin des Komponisten, Barbara Seifert, sicher mitgeholfen, den Namen Bleyle bei uns nicht nur über die Tradition des einst berühmten Textilunternehmens seines Vaters wachzuhalten, sondern auch über die Musik von dessen Sohn Karl. Für Fans des Komponisten: Das SOV hat im dritten Orchesterkonzert der kommenden Saison Bleyles Tondichtung „Flagellantenzug“ im Programm.

Etwas zum Lachen

Die Musiker des Rodin-Quartetts zeigen rund um Bleyle, was sie aus der elastisch gebliebenen Routine ihrer 25 Jahre noch an wichtigen Standardwerken der Streichquartettliteratur im Köcher haben. Mozarts sogenanntes „Dissonanzen-Quartett“, das sie mit viel Power vom Stapel schicken, lässt uns heute nur mehr milde darüber lächeln, über welche harmonischen Harmlosigkeiten sich seine Zeitgenossen damals aufgeregt haben. In Dvoráks „Amerikanischem Quartett“ lassen sie ihrer Lust zu farbenreicher, schwelgerischer Klangentfaltung freien Lauf. Im vierten Satz treten die Musiker dabei noch in einen Wettbewerb mit der Sirene eines an der Schattenburg vorbeifahrenden Rettungsautos, und in der zarten Zugabe eines Mozart-Menuetts bringt die originelle Primaria Sonja Korkeala die Leute zum Lachen, weil sie mangels anderer Möglichkeiten die Noten mit dem Fuß umblättert. Fritz Jurmann

Nächstes Feldkircher Schattenburg-Konzert: 5. August, 19.30 Uhr, mit dem Azahar Ensemble (Ibert, Ravel, Turina).