Kräftiger Applaus für „Der Reigen“

31.07.2019 • 09:30 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
 "Der Reigen" handelt vom ewigen Spiel um lieben und geliebt werden und von egoistischer Lust. Stiplovsek
„Der Reigen“ handelt vom ewigen Spiel um lieben und geliebt werden und von egoistischer Lust. Stiplovsek

Der „Reigen“ von Bernhard Lang nach Arthur Schnitzler beschert den Bregenzer Festspielen eine österreichische Erstaufführung, bei der es zur Sache geht .

Bregenz Fünf Sessel sieht man da. Man kennt sie aus Wartehallen und von Bahnsteigen. Auf jeden wird ein Buchstabe gesprüht. Liebe liest man da. Vielleicht warten ja Arthur Schnitzlers „Reigen“-Pärchen allesamt irgendwie auf die Liebe, oder auch nicht. Bekommen werden sie sie nicht. Und damit hebt das Musiktheater auf der Bregenzer Werkstattbühne zur österreichischen Erstaufführung von Bernhard Langs „Der Reigen“ an. Nach Bregenz wird „Der Reigen“ übrigens an die Neue Oper Wien weiterwandern, die als Koproduzentin der Bregenzer Inszenierung firmiert.

Nun ist es ja schon ein Weilchen her, dass Arthur Schnitzlers „Reigen“ in den 1920er Jahren für Aufregung sorgte. Vordergründig echauffierte sich die damalige Gesellschaft über Unsittlichkeit und fehlende Moral. Denn Schnitzler zeigte in seinem „Reigen“, was man gefälligst in verschwiegenen Séparées belassen wollte: den Sex. Natürlich trieb es auch die Gesellschaft um die Jahrhundertwende ganz schön bunt. Nur wurde parallel dazu eben auch die moralische Oberfläche poliert. In der Spannung zwischen dem, was sein wollte und dem, was sein sollte, tobte sich die Bürgerlichkeit aus und sezierte schließlich auch Schnitzler Schicht um Schicht Scheinmoral, Lust, Trieb und die Sehnsucht nach der Liebe. Dass der eigentliche Skandal hinter dem Stück ein ganz anderer war, dass da nämlich bereits gezielt Hetze betrieben wurde gegen den Juden Schnitzler, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt.

Sensibel angepasst

Im „Reigen“ drehen sich also zehn Pärchen im Tanz um Lust, Begierde und enttäuschte Hoffnungen. Sie nutzen einander aus, sind anfangs schmeichelnd und schroff, sobald sie ihr Ziel erreicht haben. Der Trick an der ganzen Sache ist der, dass immer ein Sexpartner in die nächste Szene weiterwandert und sich so am Ende der Kreis wieder schließt. Alle Schichten, alle Klassen zeigt bereits Schnitzler als von der Lust Angetriebene. So landet am Schluss der Privatier (bei Schnitzler ist es noch ein Graf) aber auch haargenau bei der Prostituierten (Schnitzler nennt sie noch eine Dirne), bei der das Spielchen seinen Anfang genommen hatte. Schon Schnitzler hatte die einzelnen Szenen jeweils parallel zueinander aufgebaut und Michael Sturminger hat in seinem Libretto zum Lang’schen Stück den Liebestanz sensibel an das Heute angepasst.

In der Mitte steht der eigentliche Sex. Den deutete Schnitzler durch Gedankenstriche an. Klug gelöst, kann sich doch so jeder seinen eigenen Ideen dazu überlassen. Das findet sich so übrigens auch in Bernhard Langs Musik wieder, der seinen „Reigen“ auf dem Prinzip des Loopens, des Wiederholens, aufbaut. Dadurch spiegeln sich auch in der Musik die „nackten Tatsachen“. Nämlich, dass nicht nur der Tod alle Menschen gleich macht, sondern auch die Lust. Lang malt Klangräume, die den Gedanken freien Lauf lassen. Mal ist es die spürbar gespannte Stille, mal ist es ein Flirren, mal ein Kreisen der Violinen, dann wieder setzt das Schlagwerk ein – nie aber ist es plump-lüstern. Ein Kompliment an dieser Stelle an Walter Kobéra und das Amadeus Ensemble Wien, die mit äußerster Präzision die Herausforderung, die Lang ihnen stellte, angenommen und in Musik umgesetzt haben. Dasselbe Lob gilt dem Solistenquintett. Anita Giovanna Rosati (Sopran), Barbara Pöltl (Mezzo), Alexander Kaimbacher (Tenor), Marco di Sapia (Bariton) und Thomas Lichtenecker (Countertenor) zeigen die Welt zwischen Sein und Schein einfach nur mit Bravour. Auch sie loopen sich durch das Bäumchen-wechsel-dich-Spiel. Im Gleichklang miteinander schwingen sie nur in Annäherungen, sie streben aufeinander, um wieder abzudriftende und enttarnen so Sehnen, Glück und Ekel gleichermaßen.    

Gelungenes Gesamtpaket

Überhaupt, lässt man die musikalische Komponente einmal beiseite, so zeigt der Bregenzer „Reigen“ eine geschickt durchkomponierte Regie. Dafür zeichnet Alexandra Liedtke verantwortlich. Mehrdeutig-schön und irritierend sind die Bilder, die sie da ins Geschehen einstreut. Auch dass in Bregenz die Figur der Schauspielerin zur Drag Queen  mutiert, der die Männer zu Füßen liegen, ist eine geschickte Vergegenwärtigung der Schnitzler’schen Thematik und zeigt einmal mehr die Bandbreite des sexuellen Erlebens. Klug arrangiert Liedtke so die einzelnen Szenen – bis hin zum Ehepaar, das, während sie so untreu ist wie er, die Schmutzwäsche einfach in die Waschmaschine stopft. Was sich allerdings zeigt, aber auch das ist gewollt, ist, dass die permanente Präsenz des Sexuellen nicht zwangsläufig zu einem Mehr an Erotischem führt. Im Gegenteil, geradezu mechanisch wird der Sex. Und danach darf man an den- oder diejenigen auch sein Häkchen machen, während man auf die nächste Runde wartet.                  
Der Bregenzer „Reigen“ ist das, was man als absolut gelungenes Gesamtpaket bezeichnen könnte. Eine kreative Regieführung, tolle Stimmen und eine Musik, die aufgreift und multipliziert, was dem Text zugrunde liegt: das ewige Spiel um lieben und geliebt werden und die egoistische Lust. Der kräftige Applaus, mit dem diese österreichische Erstaufführung schließlich besiegelt wurde, war dann alles andere als unpersönlich, der  war warm, ehrlich und vor allem mehr als nur gerechtfertigt.
Veronika Fehle

Zweite Aufführung bei den Bregenzer Festspielen am 31. Juli, 20 Uhr, auf der Werkstattbühne. Ab November in Wien