Spielarten der Hysterie

Kultur / 01.08.2019 • 18:42 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Genija Rykova als Anwaltsfrau Warwara und Marie-Lou Sellem als Ärztin in „Sommergäste“ von Maxim Gorki, einer Produktion der Salzburger Festspiele. APA
Genija Rykova als Anwaltsfrau Warwara und Marie-Lou Sellem als Ärztin in „Sommergäste“ von Maxim Gorki, einer Produktion der Salzburger Festspiele. APA

Maxim Gorkis „Sommergäste“ könnten sich als scharfes Spiegelbild der Gesellschaft entpuppen.

Christa Dietrich

Salzburg, Hallein Vor dem Eingang spielt eine lokale Blasmusikkapelle, weil sie dem Publikum zum Auftakt der Okkupation der Salinenhalle durch die Salzburger Festspiele immer einen musikalischen Gruß entbietet. Ein schönes Bild ergibt das auf der Perner-Insel von Hallein. Doch die Gäste interessiert es nicht, lediglich drei bis vier bleiben stehen, der Rest verlustriert sich an den Weinständen, ein präpotenter Lenker eines Fahrzeugs mit Wiener Nummer lässt sich durch nichts aufhalten, bahnt sich rücksichtslos den Weg durch die Musikanten.

So weit die Situation draußen. Drinnen läuft Maxim Gorkis Drama „Sommergäste“. Die Produktion – hierzulande weit weniger bekannt als seine Werke „Nachtasyl“ oder „Kinder der Sonne“ – könnte bei den Salzburger Festspielen als Spiegelbild einer Gesellschaft konzipiert gewesen sein, in der man zu spät erkennt, dass die Lebensentwürfe wenig Erfüllung bringen. Ein Fest verspricht Abwechslung. Doch Anwälten, Ärzten, Ingenieuren, Schriftstellern und Studenten bietet es lediglich Anlass, sich über falsche Partnerentscheidungen oder Belangloses auszukotzen. Zu Erkenntnis führt kaum etwas. 1904, vor Revolution und gesellschaftlichem Umschwung, mag die Botschaft noch Schärfe enthalten haben, über hundert Jahre später ist sie ausgedünnt und erfährt nun auch wenig Aufladung. Vielleicht lag es an einer Umbesetzung im Leading-Tea, vielleicht an der Meinung, dass die Aufführungsästhetik schon ausreichend Spannung beinhaltet. Raimund Orfeo Voigt hat ein sich langsam weiterbewegendes Bühnenbild für den großen Raum gezimmert. Korridore, Stiegen, Säle und Zimmer ziehen gut zwei Stunden lang vor den Zuschauern dahin, das jeweils schmale Auftrittspodium, das dem guten Dutzend an Akteuren bleibt, verführt dieses zum Übergestikulieren. Man könnte die Personen in der Menge sonst aus den Augen verlieren. Regisseur Evgeny Titov lässt in den Einzelszenen wie in Tableaus Spielarten der Hysterie durchexerzieren. Das hat für geraume Zeit etwas und erregt dann besondere Aufmerksamkeit, wenn sich bei den Frauen Ausbruchsabsichten zeigen. Dass sie – im Gegensatz zur Vorlage – nicht erfolgen, wirkt immerhin sehr gut durchdacht.

Weitere Aufführungen des Stücks bei den Salzburger Festspielen auf der Perner-Insel in Hallein vom 2. bis 8. August.