Der Blick in die Zukunft ist selten ein positiver

02.08.2019 • 16:12 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Zwei Shooting-Stars der Literaturszene versuchen sich an Büchern mit „2.0 Effekt“.

Romane „Ein wirklich erstaunliches Ding“, heißt der Roman von Autor und Internetprofi Hank Green. Es handelt von der Youtuberin April May, die eines Morgens auf eine sonderbare, klobige Figur mitten in New York stößt, die sie in einen kurzweiligen Youtube-Bericht einbaut und Carl nennt. In dem Moment ahnt sie nicht, dass es auf der Erde rund 40 weitere namenlose Figuren gibt, von denen niemand eine Ahnung hat, von wo sie kommen und was sie darstellen. Da April als Erstes online geht, macht ihr Youtube-Bericht schnell die Runde und sie wird eine Art Berichterstatterin für das Undefinierbare. Schon bald werden sie und ihr Kameramann Andy zu Medienstars, doch der Ruhm bleibt nicht ohne Folgen.

Virtuelle Weitsicht

Hank Green ist in Amerika tatsächlich ein Youtube-Star, der bereits mit einem Emmy ausgezeichnet wurde. Er kennt natürlich die Schattenseiten des vergänglichen Ruhms. So gesehen kann er sich sehr gut in seine Protagonistin hineinversetzen. Der Aufstieg von April May fühlt sich demzufolge authentisch an. Auch die Auseinandersetzung mit der Sucht nach der ganzen Netz-Aufmerksamkeit und der inneren Vereinsamung machen den Roman sehr realistisch. Leider kann der Roman mit keiner neuen Erkenntnis aufwarten und die Story hat auch inhaltliche Ungereimtheiten. Um jedoch das Update der Welt darzustellen und das eben nicht im Netz, sondern in klassischer Form als Roman, reicht das Buch allemal. Gelegentlich erinnert man sich an Douglas Couplands Roman „Generation X“ zurück, der mit einem ähnlichen Setting, aber auch mit einer größeren Erkenntnis über die eigene Generation aufwartete.

Dubliner Einsicht

Unter dem lapidaren Titel „Gespräche mit Freunden“ bringt die Autorin Sally Rooney eine Art Bestandsaufnahme über die Generation Y im konservativen Irland heraus. Frances und Bobbi waren in der Schule ein Paar, auf der Universität angelangt, gehen sie nun getrennte Wege. Ihr Hobby, das Performern von Gedichten, hält sie jedoch zusammen. Eines Tages treffen sie ein Paar. Melissa ist Fotojournalistin und Nick ist ein gutausschauender Schauspieler. Sie sind einige Jahre älter als die beiden Studentinnen und ihnen durchaus nicht abgeneigt. Ein Sittenbild der Generation Y nimmt also seinen Lauf.

„Gespräche mit Freunden“ fühlt sich an wie ein Film von Godard, jedoch ohne zu moralisieren. Frances wäre gerne links und liberal, hat aber kein Problem mit dem Konsum luxuriöser Güter. Hier bleibt sie konfliktscheu. Das Problem scheint die Blase zu sein, die verlassen werden muss, um Erfahrungen zu machen. Und schon geht es mit den eigenen Prinzipien bergab. Sally Rooney, das neue Liebkind der englischsprachigen Literatur, gewinnt dadurch, indem sie in einer Art Schönschreiberei verhalten bleibt, die Gegenwart abtastet, als sei sie ein wunderbarer Designgegenstand, der auf seine Funktionstüchtigkeit geprüft wird. Wenn die Glückshormone entfliehen, bleiben Kopfschmerzen zurück. Frances kann ein Lied davon singen.