Historisches Thema, das in die Gegenwart passt

Kultur / 02.08.2019 • 18:12 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Dieser weite WegIsabel AllendeSuhrkamp382 Seiten

Dieser weite Weg

Isabel Allende

Suhrkamp

382 Seiten

Der Titel des Buches von Isabel Allende ist bereits Programm.

Roman „Dieser weite Weg“ beackert ein historisches Thema, das gut in die Gegenwart passt. Hauptmotiv ist die Migration. Wobei die Flüchtlinge, denen die Autorin ein literarisches Denkmal setzt, einen Vorteil haben gegenüber jenen, die heute vor Konflikten fliehen oder einfach ein besseres Leben suchen: Sie wechselten zwar den Kontinent, aber nicht den Sprachraum.

Die Autorin ließ sich neben den aktuellen Migrationsdebatten in Europa und den USA von der „Winnipeg“ inspirieren, einem Dampfer, auf dem 1939 von Frankreich aus mehr als 2200 Flüchtlinge aus Spanien vor den Truppen Francos flohen. Organisator dieses Transports war der chilenische Dichter Pablo Neruda, der 1971 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde. Er kommt in Allendes Buch auch vor. Und auch ihr Onkel – der spätere marxistisch-sozialistisch orientierte Präsident Salvador Allende – tritt darin auf, als Schachpartner eines der Flüchtlinge. Im Roman ist das Victor Dalmau, ein Sanitäter und Student, der in Chile als Mediziner reüssiert. Im wirklichen Leben hieß dieser Mann Victor Pey. Der Journalist und Unternehmer emigrierte tatsächlich auf der „Winnipeg“ und gehörte später zum Kreis der Wegbegleiter und Freunde von Salvador Allende. Bevor er im Vorjahr 103-jährig verstarb, diente er der Autorin als Zeitzeugenquelle. Salvador Allende wird im Roman wie in der Wirklichkeit 1973 beim von den USA zumindest unterstützten Putsch des Rechtsaußen-Generals Augusto Pinochet getötet. Durch den Militäraufstand wird Victor auch das Exilzuhause zunehmend fremd. Wegen seiner Sympathien für Allende wird er von einer Nachbarin vernadert, in Lagerhaft gesteckt, gefoltert und später neuerlich ins Exil gezwungen. Diesmal nach Venezuela.

Der Roman ist aber auch ein Lobgesang auf die pragmatische Kraft der Liebe. Victor und seine Frau müssen als Ehepaar zusammenhalten, um sich und das Baby durchzubringen, obwohl sie ursprünglich gar nicht verliebt sind. Aber die Widrigkeiten, die sie überwinden, zeigen ihnen, dass echte Liebe nicht nur aus Leidenschaft geboren wird, sondern vielmehr aus Loyalität, Kameradschaft und Herausforderungen erwächst.

Wenige Tage nach dem Putsch von Pinochet stirbt der Dichter Pablo Neruda in einem Krankenhaus an Krebs. Eine Version, die von Skeptikern seither infrage gestellt wurde. War er den Machthabern ein Dorn im Auge? Es zeigt sich: Chiles weiter Weg aus der Vergangenheit und deren Bewältigung ist noch lange nicht zu Ende.