Aufschlussreiches Konzert abseits der Festspiele

Kultur / 04.08.2019 • 16:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Wiener Concertverein unter Martin Kerschbaum im Vorarlberg Museum in Bregenz. JU
Wiener Concertverein unter Martin Kerschbaum im Vorarlberg Museum in Bregenz. JU

Wiener Concertverein präsentierte vielfältiges heimisches Musikschaffen.

BREGENZ. Es gibt im Land leider viel zu wenig „Spielwiesen“, auf denen heimische Komponisten die Ergebnisse ihrer Arbeit vorzeigen und vor Publikum ausprobieren können. Eine davon ist seit vier Jahren allsommerlich die zweiteilige Konzertreihe „Zeitklang im Museum“, bei der das Vorarlberg Museum die Rolle des Veranstalters von den Bregenzer Festspielen übernommen hat. Mit beharrlicher Regelmäßigkeit werden dort von dem auf neuere Musik spezialisierten Wiener Concertverein neue und ältere Werke von Vorarlberger Komponisten präsentiert und finden auch das Interesse eines Publikums, das weit über deren engere Verwandtschaft hinausgeht.

Der Abend am Wochenende fordert Extremes von dem Dutzend Musiker aus den Reihen der Wiener Symphoniker und ihrem rührigen Organisator Christian Roscheck. Denn diese  ohne Pause gespielten fünf Werke für zwölfköpfige Streicherbesetzung sind fast ein Kompendium dessen, was findige Komponistenköpfe mit diesem Instrumentarium musikalisch anzufangen wissen, von der konventionellen Verarbeitung über beherzte mikrotonale Einflüsse bis zur gekonnten Umsetzung literarischer Vorlagen. Schlagzeuger Martin Kerschbaum am Pult ist ein absolut sicherer Führer durch die Klippen dieser vielfältigen Klangwelten.

Murat Üstün, Richard Dünser, Michael Amann

Der Zufall will es, dass unter den fünf Komponisten des Abends zwei Vorarlberger sind, die heuer ihren 60. Geburtstag feiern, so der türkischstämmige Murat Üstün aus Klaus und sein Bregenzer Kollege Richard Dünser, der in Graz unterrichtet. Dritter Vorarlberger im Bunde ist der Dornbirner Michael Amann (55), der in Wien lebt und arbeitet. Alle drei sind anwesend und geben mehr oder weniger hilfreiche Einführungen in ihre Werke. Murat Üstün macht den Anfang mit seinem „Spektrum“, das 2015 im Auftrag des Arpeggione-Orchesters entstanden ist und erstmals ein gesellschaftspolitisches Thema anspricht. Es ist die heute oft erschwerte Kommunikation, die erst nach vielen suchenden Glissandi und Pizzicati zu einem gemeinsamen polyrhythmischen Gestaltungsmuster findet, wie es für seine Tonsprache ebenso typisch ist wie Melodiefloskeln aus seiner Heimat.    

Ein aus irisierenden Klängen verwobenes Stück, „zwischen.durch.daneben“ des Wieners Hannes Raffaseder (49), aus dem sich erst langsam Strukturen herausschälen und Gestalt annehmen, führt zum originellsten Werk des Programms. Es stammt von Michael Amann, der sein „Idyll“ vor drei Jahren für Klaus Christa und dessen südafrikanisches Bochabela-Strings-Projekt ersonnen hat. Gerade in diesem Kontext wird ein alpenländischer Jodler als Basis, den Amann in teils mikrotonale Sphären und ungewohnte Zusammenhänge entführt, auch in dieser Fassung für Streichsextett zur besonderen multikulturellen Botschaft.

Der Oberösterreicher Helmut Schmidinger (50) präsentiert anhand eines Haydn-Briefes in der fünfsätzigen Suite „da sitz ich in meiner Einöde“ einen Dialog mit der musikalischen Vergangenheit, der sich in hübsch konventioneller Umsetzung um altmodische Grußformeln, ein ungehorsames Pianoforte und unerfüllte Dessertwünsche rund um Haydn dreht. Richard Dünsers Klassiker „Elegie. An Diotima“, 1986 als Streichquartett komponiert, verfehlt zum Schluss auch in der inzwischen erweiterten Version für Streichorchester als viel gespielter Hit des Komponisten nicht seine Wirkung. Dieses Werk markiert als Literaturvertonung nach Friedrich Hölderlin den Beginn von Dünsers ausgeprägtem Personalstil, den er in seiner kargen melodischen Schönheit, seiner auf Mahler verweisenden fahlfarbenen Harmonik inzwischen vielfach variiert, verfeinert und perfektioniert hat. Das Publikum reagiert begeistert. Fritz Jurmann