Allmählich schließt man sie alle ins Herz

09.08.2019 • 15:55 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Finde einem Schwan ein BootAnna WeidenholzerMatthes & Seitz212 Seiten

Finde einem Schwan ein Boot

Anna Weidenholzer

Matthes & Seitz

212 Seiten

Die Linzerin Anna Weidenholzer zeigt eine skurrile Idylle.

Roman Der Titel ist so ungewöhnlich wie das ganze Buch. Genau das ist man bei Anna Weidenholzer aber schon gewohnt. Nachdem die 35-jährige in Wien lebende Linzerin mit „Der Winter tut den Fischen gut“ und „Weshalb die Herren Seesterne tragen“ einige Preise eingeheimst hatt, legt sie nun einen weiteren Roman vor: „Finde einem Schwan ein Boot“ schildert das Nachbarschaftsleben in einer Stadtrandsiedlung. Der Titel bezieht sich auf eine tragische Liebesgeschichte, die aber für die gesamte Handlung weiter nichts zur Sache tut und eine der vielen beiläufigen Erzählungen und Anekdoten ist, die zwischen den Bewohnern ausgetauscht werden: Einst verliebte sich eine schwarze Schwänin in einen großen, stolzen Schwan. Dieser war angenehm ruhig, doch auch ziemlich unnahbar – denn er war ein Plastiktretboot in Schwanenform.

Echte und schräge Vögel spielen immer wieder eine Rolle in Weidenholzers Buch. Die Menschen, denen wir folgen, haben schon ziemlich viele Federn gelassen. Das Schicksal hat sie reichlich zerzaust, so dass sie nun recht zufrieden wirken in ihrem Nest, das sehr überschaubar und unaufregend wirkt. Ungewöhnlicherweise finden sich weder Hunde noch Katzen in diesem Vorstadtbiotop, der einzige hier wohnende Vierbeiner ist ein Chinchilla – flauschig, aber bissig, und in höchster Not auch bereit, seine Harnblase als Waffe einzusetzen. Das Wasser können aber auch andere nicht halten: Herr Fleck etwa, der in seiner Wohnung vorzugsweise ohne Hosen umherzuspazieren und stundenlang regungslos auf einem Sessel auszuharren pflegt, so dass die Nachbarn nicht sicher sein können, ob er überhaupt noch lebt. Woher diese das überhaupt wissen? In der Siedlung, die so verwechselbar ist, dass man schon mal aus Versehen vor der falschen Tür landen kann, beobachtet jeder jeden. Nicht aus Argwohn, sondern wegen der Abwechslung.

Sozialpsychologie

Das Zuziehen der Vorhänge wäre ein demonstratives Verlassen jener Gemeinschaft, die ihr verlängertes Wohnzimmer im „Maria“ hat. Im Café Maria, wo zu Weihnachten noch die Osterdekoration hängt, und wo schlechter und guter Wein zur Auswahl steht (die Stammkunden argwöhnen, es handle sich stets um dieselbe Sorte, bloß die Gläser seien andere), treffen sich alle, die man als Leser nach anfänglichem Fremdeln allmählich ins Herz schließt. Das Ehepaar Karla und Heinz spricht einander vorzugsweise mit dem Familiennamen an und hat auch sonst einige Verhaltensauffälligkeiten – allerdings nicht mehr als die strenge Frau Richter, Herr Fleck, der gerne in den Lift pinkelt, oder die mysteriöse Frau Professor, die stundenlang stumm im Café sitzt, Sherry trinkt und zu ihrem Abgang stets pointiert Studienergebnisse aus der Sozialpsychologie zum Besten gibt. Auch Weidenholzer betätigt sich mit ihrem Buch als Verhaltensforscherin, die akribisch eine Normalität festhält, die unmerklich aus den Fugen gerät.