Moosbrugger schöpft aus Spezialquellen

Kultur / 12.08.2019 • 19:57 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Ensemble Phace im Kunsthaus beim vierten Einblick der Festspiele in die neue Opernproduktion. BF/Anja Köhler
Ensemble Phace im Kunsthaus beim vierten Einblick der Festspiele in die neue Opernproduktion. BF/Anja Köhler

Ein weiterer Einblick ins Opernatelier der Festspiele verrät den Einflussbereich des Vorarlberger Komponisten.

BREGENZ Das Versteckspiel, das die Festspiele mit ihren Besuchern beim Opernatelier treiben und über zwei Jahre in so genannten Einblicken immer ein Stückchen eines neuen Opernprojektes freigeben, hält die Spannung aufrecht. Der vierte dieser Einblicke war überlaufen von Interessenten, die nun wissen wollten, wie es mit der Entstehung von Alexander Moosbruggers erster Oper weitergeht.

Klar ist im Moment: Das Auftragswerk an den Bregenzerwälder Komponisten heißt „Wind“ und beruht auf dem 1499 erschienenen Buch „Hypnerotomachia Polyphili“ des Dominikaners Francesco Colonna, das von der Liebe Polyphilos zu Polia erzählt und mit zahlreichen Holzschnitten illustriert ist. „Wind“ ist aber auch der Fachausdruck für die richtige Erzeugung und Modellierung der Druckluft in einer Orgel. Und ein solches Instrument wird auch im Zentrum der Uraufführung im Sommer 2020 stehen, eigens erbaut durch die Firma Rieger nach Moosbruggers Vorstellungen als kundiger Organist. Die Anzahl von 172 Pfeifen verweist auf die Zahl der Holzschnitt-Abbildungen im Buch, mit der Veränderung der Luftzufuhr will Moosbrugger die unterschiedlichsten Klangwelten der Orgel experimentell ausloten. Den Raum dazu entwirft die Künstlerin Flaka Haliti, als Regisseur wurde Jan Eßinger verpflichtet.

Die Ohren öffnen

Diesmal geht es im koproduzierenden KUB um den musikalischen Einflussbereich Moosbruggers in einem Konzert des in Vorarlberg durch die Bludenzer „Tage zeitgemäßer Musik“ bekannten Spezial­ensembles Phace. Als Kurator hat er dafür ein feinsinnig aufeinander bezogenes Programm komponiert, das die gegensätzlichen Pole seiner musikalischen Quellen zueinander in Kontrast oder in einen Kontext stellt und damit dem Zuhörer auch die Ohren öffnet für die kommende Opern-Uraufführung. Moosbruggers Klangwelt reicht schon mal bis Gottvater Johann Sebastian Bach zurück mit Alter Musik, auf die er sich gern beruft. Aber es wäre nicht Moosbrugger, wenn er dessen scheue, knappe Invention nach Glenn Goulds Originalfassung nicht gleich sechsmal in eigenen und fremden Analysen verwandeln ließe: in Regers Romantik getaucht, mit Haydns Kaiserhymne verwoben, mit Zuspielungen verfremdet.

Nach dieser Ouvertüre im akustisch problematischen Eingangsbereich des KUB geht es in den dritten Stock, wo eine Auswahl streng konzipierter Neuer Musik in der architektonischen Eindeutigkeit der Betonwände ein ideales Ambiente vorfindet, inmitten der großen Skulpturen von Thomas Schütte und einer angenehm aufgerauten Akustik. Der Konzertflügel entfaltet sich unter den Händen von Mathilde Houslangou in einem Notturno von Salvatore Sciarrino mit kleinräumigen Floskeln zu einer Art bohrender Minimal Music. Aufhorchen lässt dann Moosbrugger mit seinen „Materialien aus Klopfen“ für das gesamte vierköpfige Ensemble, eine im Raum verteilte, mathematisch genau konzipierte Arbeit, die durch Videozuspielungen eine weitere Spielebene erfährt.

Als Solitär erweist sich Altmeister Olivier Messiaen mit einem auf diese Besetzung zugeschnittenen Teil aus seinem legendären „Quatuor pour la fin du temps“. Mit Moosbrugger befreundet ist die britische Komponistin Rebecca Saunders, die mit ihrem Stück für Violine solo einen beklemmend dichten Eindruck hinterlässt. Ivana Pristasova setzt mit größter Zartheit, Intensität und verblüffenden Spieltechniken den Namen „Hauch“ um. Gemeinsam mit Roland Schueler, Violoncello, und Szilard Benes, Klarinette, kommt am Schluss nochmals der Kurator zu Wort mit „Silben, Skalen, Nacht“. Das ist nun ein Stück Moosbrugger pur, das ganz von seiner Innenspannung lebt und zum zentralen Ruhepol wird. Nur wer nicht bemerkt, dass die mikrotonal zerbrechlichen Motive sich ständig minimal verändern, wird dem Stück Langatmigkeit vorwerfen.