Spannungsreich mitverfolgen, wie eine Oper entsteht

Kultur / 12.08.2019 • 20:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Festspielkonzert im Kunsthaus Bregenz. BF/ANJA KÖHLER

Einblick vier ins Opernatelier der Festspiele verrät den Einflussbereich des Vorarlberger Komponisten Alexander Moosbrugger.

BREGENZ Das Versteckspiel, das die Festspiele mit ihren Besuchern beim Opernatelier treiben und über zwei Jahre lang in sogenannten „Einblicken“ immer nur ein Stückchen eines geplanten neuen Opernprojekts freigeben, hält die Spannung aufrecht und trägt auch in zweiter Auflage Früchte. Der vierte dieser Einblicke im Kunsthaus war überlaufen von Interessenten, die wissen wollten, wie es denn mit der Entstehung von Alexander Moosbruggers erster Oper weitergeht.

Klar ist im Moment: Das Auftragswerk an den Bregenzerwälder Komponisten heißt „Wind“ und beruht auf dem 1499 erschienenen, bis heute geheimnisumwitterten Buch „Hypnerotomachia Polyphili“ des Dominikaners Francesco Colonna, das von der Liebe Polyphilos zu Polia erzählt und mit zahlreichen Holzschnitten illustriert ist. „Wind“ ist aber auch der Fachausdruck für die richtige Erzeugung und Modellierung der Druckluft in einer Orgel. Und ein solches Instrument wird auch im Zentrum der Uraufführung 2020 stehen, eigens erbaut durch die Firma Rieger nach Moosbruggers Vorstellungen als kundiger Organist. Die Anzahl von 172 Pfeifen verweist auf die Zahl der Holzschnitt-Abbildungen im Buch, mit der Veränderung der Luftzufuhr will Moosbrugger die unterschiedlichsten Klangwelten der Orgel experimentell ausloten und erweitern. Den Raum dazu entwirft die bildende Künstlerin Flaka Haliti, als Regisseur wurde Jan Eßinger verpflichtet.

Die Ohren öffnen

Diesmal geht es im koproduzierenden KUB freilich nicht um die Orgel, sondern um den musikalischen Einflussbereich Moosbruggers in einem Konzert des in Vorarlberg durch die Bludenzer „Tage zeitgemäßer Musik“ bekannten Spezialensembles Phace. Als Kurator hat er dafür ein feinsinnig aufeinander bezogenes Programm komponiert, das die gegensätzlichen Pole seiner musikalischen Quellen zueinander in Kontrast oder in einen Kontext stellt und damit dem aufmerksamen Zuhörer auch die Ohren öffnet für die kommende Opern-Uraufführung. Moosbruggers wundersame Klangwelt reicht schon mal bis Gottvater Johann Sebastian Bach zurück mit Alter Musik, auf die er sich gern beruft. Aber es wäre nicht Moosbrugger, wenn er dessen scheue, knappe Invention nach Glenn Goulds Originalfassung nicht gleich sechs Mal in eigenen und fremden Analysen verwandeln ließe: in Regers Romantik getaucht, mit Haydns Kaiserhymne verwoben, mit Zuspielungen verfremdet.  

Nach dieser halbstündigen Ouvertüre im akustisch problematischen Eingangsbereich des KUB geht es in den dritten Stock, wo eine Auswahl streng konzipierter Neuer Musik in der architektonischen Eindeutigkeit der Betonwände ein ideales Ambiente vorfindet, inmitten der überlebensgroßen Skulpturen von Thomas Schütte und einer angenehm aufgerauten Akustik. Der dortige Konzertflügel entfaltet sich unter den Händen von Mathilde Houslangou in einem Notturno von Salvatore Sciarrino mit kleinräumigen Floskeln zu einer Art bohrender Minimal Music. Aufhorchen lässt dann Moosbrugger mit seinen „Materialien aus Klopfen“ für das gesamte vierköpfige Ensemble, eine im Raum verteilte, mathematisch genau konzipierte Arbeit, die durch Videozuspielungen eine weitere Spielebene erfährt.

Als Solitär im Zentrum erweist sich Altmeister Olivier Messiaen mit einem auf diese Besetzung zugeschnittenen Teil aus seinem legendären „Quatuor pour la fin du temps“. Mit Moosbrugger befreundet ist die britische Komponistin Rebecca Saunders, die mit ihrem Stück für Violine solo einen beklemmend dichten Eindruck hinterlässt. Ivana Pristasova setzt mit größter Zartheit, Intensität und verblüffenden Spieltechniken den Namen „Hauch“ um, der hier zum Programm wird. Gemeinsam mit ihren Kollegen Roland Schueler, Violoncello, und Szilard Benes, Klarinette, kommt am Schluss nochmals der Kurator zu Wort mit „Silben, Skalen, Nacht“. Das ist nun ein Stück Moosbrugger pur, das ganz von seiner Innenspannung lebt und zum zentralen Ruhepol wird. Nur, wer nicht bemerkt, dass die mikrotonal zerbrechlichen Motive sich ständig minimal verändern, wird dem Stück Langatmigkeit vorwerfen.   Fritz Jurmann