Musiktheater zum Verlieben

13.08.2019 • 17:24 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Jung und verliebt: Tatjana und Onegin im dramatischen letzten Akt.
Jung und verliebt: Tatjana und Onegin im dramatischen letzten Akt.

Große Oper wird als feines, kleines Kammerspiel groß und jubelnd gefeiert: „Eugen Onegin“ bei den Festspielen.

Christa Dietrich

Bregenz Mit etwas mehr Gelassenheit hätte alles auch gut werden können. In einer kurzen, im dritten Akt hinzugefügten Sequenz schließt Lenski seinen Freund Onegin wieder in die Arme. Der Streit wird beendet, man blödelt sich über das Missverständnis hinweg, denn Olga liebt ihren Lenski und mit Onegin hat sie nur aus einer Laune heraus geflirtet. Schließlich war man ja etwas beschwipst und erhitzt und gekifft wird auch auf der Bühne im Bregenzer Kornmarkttheater. Dort hielt die Inszenierung sowie die musikalische Interpretation von Tschaikowskis bekannter Oper „Eugen Onegin“ das Premierenpublikum am Montagabend in Spannung. Nach der dreistündigen Aufführung war der Jubel groß. In der fünften Produktion des von Festspiel-Intendantin Elisabeth Sobotka gegründeten Opernstudios wurde ein prachtvolles Stück mit einer der bekanntesten Polonaisen der Musikliteratur, das der Urheber selbst „Lyrische Szenen“ nennt, zum ungemein dichten Kammerspiel. Und gerade deswegen empfand man es auch ohne Live-Chor und Tänzer als große Oper.

Der junge deutsche Regisseur Jan Eßinger hat sich den erwähnten Einschub erlaubt. Gelassenheit ist meist keine Tugend Heranwachsender, zu erzählen hat er weit Tragischeres: Lenski wird im Duell getötet, wie es Olga damit geht, bleibt unerwähnt, Onegin jedenfalls findet danach kaum noch Halt. Der arrogante Schnösel, als den ihn Puschkin in seinem um 1830 vollendeten, gleichnamigen Versroman zeichnet, kommt bei Tschaikowski zwar etwas besser weg, zu retten vermag er jedoch weder die Situation, in die er schlittert, nachdem sich die blutjunge Tatjana in ihn verliebt, noch jene, in die er seinen eifersüchtigen Freund treibt. Die einfachsten Szenen sind bei entsprechender Stringenz oft die eindrücklichsten: Am Ende ist er mit den Folgen seiner Handlungen vor dem eigenen Spiegelbild konfrontiert, der Freund ist tot, sich der intensiven Gefühle für Tatjana nun bewusst, muss er erfahren, dass ihn diese zwar noch liebt, den mittlerweile geheirateten Mann aber nicht verlässt.

Es gibt Sinn

Dass Tschaikowski das Werk für die Uraufführung im März 1879 bewusst einem Konservatoriums­ensemble überließ, hat die Festspielleitung darin bestärkt, es für das Opernstudio auszuwählen. Studenten sind die Interpreten der vier jungen Figuren längst nicht mehr, aber zumeist Rollendebütanten und zudem mit Bedacht auf Klangwirkung und Zusammenspiel mit den erfahrenen Kollegen engagiert. Man agiert nicht in langem Kleid und Gehrock, Eßinger und sein Ausstatter Nikolaus Webern verlegen die Handlung in die Gegenwart, das heißt, in ein Heute, das zugleich mit Rückblenden in die 1960er- oder 1970er-Jahre durchzogen ist. Die Rolle von Tatjanas Kinderfrau Filipjewna erhält hier nämlich mehr Gewicht. Dramaturgisch wie psychologisch gibt das Sinn, der älteren Frau widerfuhr ein ähnliches Schicksal, an das sie erinnert wird. Identifikationsmöglichkeiten gibt es mehrere in dieser Inszenierung, und das führte neben der Musik wohl dazu, dass so mancher Besucher in der Pause bemerkte, die ersten zwei Stunden wie nur eine empfunden zu haben, so einnehmend wirke diese in der Originalsprache gesungene Produktion, in der es dem Regisseur erfolgreich gelang, von seinem Team Verinnerlichung der jeweiligen Figur zu fordern. Ein Eisklotz wäre jener, der sich von Tatjanas aufkeimender Verliebtheit und ihrem tiefen Schmerz nicht berühren ließe. Die israelische Sopranistin Shira Patchornik ist zu zartester Lyrik fähig und hat auch für die Dramatik im Finale ausreichend Kraft. Sie erweist sich als Idealbesetzung, denn dass das Orchester zu Beginn des langen Brief-Aktes ein wenig zu laut wirkt, muss nicht einmal am Dirigenten liegen, die Akustik im vom Team so hochgelobten Kornmarkttheater hat ihre Tücken. Der Russe Valentin Uryupin hat sich an sich bestens auf die Verhältnisse eingestellt, setzt mit dem gut, aber notgedrungen klein aufgestellten Symphonieorchester Vorarlberg auf präzise Klangwirkung und nur so oft wie unbedingt nötig auf den entsprechenden Effekt.

Chor aus Perm

Eine Besonderheit dieser Aufführung ist gleichzeitig so fragwürdig wie schön: Die Chorpassagen wurden aufgrund der räumlichen Gegebenheiten nämlich mit dem namhaften Ensemble der Oper in Perm eingesungen und absolut punktgenau übertragen. Man hört den Chor aus Nebenräumen, wo die jeweiligen Feste im Gange sind, durch einen inszenatorisch gelungenen Trick via Kofferplattenspieler oder einfach aus der Ferne. Und gelegentlich haben die Solisten auch kleine Choraufgaben zu übernehmen. Jegliches Meckern wäre unangebracht, zumal, wenn man dazu die stimmliche Darstellungskraft der russischen Mezzosopranistin Liuba Sokolova (Filipjewna) erlebt oder den vielschichtigen Ausdruck der deutschen Mezzosopranistin Judith Thielsen als Larina. Aytaj Shikhalizada aus Aserbaidschan (Olga) entspricht mit samtenem Timbre, der Österreicher David Kerber legt seinen Triquet höhensicher mit passendem Trotz an, und der Russe Igor Korostylev empfiehlt sich nach diesem Gremin als Bass, der den sogenannten Wurzelrollen entwachsen ist. Ilya Kutyukhin (Onegin), ebenfalls aus Russland stammend, konnte bereits beim Young Singers Project der Salzburger Festspiele reüssieren. Mit edlem, einmal so wunderbar unrauem Bariton begegnet er dem glänzend präsenten, wiederum aus Russland stammendenTenor Alexey Neklyudov (Lenski). Dieser hatte die Aufgabe, dieses schwer fassbare Fatalistische zu vermitteln. Es gelingt, wie die Inszenierung überhaupt von filigraner Psychologie gezeichnet ist. Und dazu gehört auch, dass man in der ersten Landszene Gänse rupft und nicht Marmelade einkocht. Wie Idyllen feingliedrig zu brechen sind, damit kennt man sich aus im Festspiel-Opernstudio, das erzeugt enorme Spannung und macht diese Einrichtung grundsätzlich so anziehend: Musiktheater zum Verlieben.

Nach drei Mozart- und einer Rossini-Oper wählten die Bregenzer Festspiele Tschaikowskis „Eugen Onegin“ für die Produktion mit jungen Sängern im Kornmarkttheater. Die Produktion ist mitreißend.  STIPLOVSEK, BF/FORSTER
Nach drei Mozart- und einer Rossini-Oper wählten die Bregenzer Festspiele Tschaikowskis „Eugen Onegin“ für die Produktion mit jungen Sängern im Kornmarkttheater. Die Produktion ist mitreißend.  STIPLOVSEK, BF/FORSTER

Weitere Aufführungen am 15. und 17. August, jeweils 19.30 Uhr, im Theater am Kornmarkt: www.bregenzerfestspiele.com