Hornist Zoltán Holb: „Ein göttliches Instrument“

14.08.2019 • 14:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Hornist Holb: „Oboe und Horn gelten als die schwierigsten Instrumente. Man bläst hinein und nur Gott allein weiß, was herauskommt.“  SOV/KARL FORSTER

Zoltán Holb betrachtet das Musizieren mit großer Ernsthaftigkeit und Humor.

Bregenz, St. Gallen Das Symphonieorchester Vorarlberg ist ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil des Musiklebens in unserem Land. Es gibt in seinen Reihen Persönlichkeiten, die auch als Solisten oder in anderen Ensembles auftreten. Ihnen noch mehr Profil zu verleihen, ist das Ziel einer Serie von Gesprächen mit Musikerinnen und Musikern.

Zoltán Holb (geb. 1970) studierte an der Franz-Liszt-Musikhochschule in Debrecen und in Budapest. Beim nationalen Hornwettbewerb wurde er mehrfach mit dem ersten Preis ausgezeichnet, ebenso wie 1995 beim internationalen Kammermusikwettbewerb in Paris mit dem Concordia Quintett. 1992–2002 war er Solohornist an der Ungarischen Staatsoper in Budapest, seit 1998 spielt er in gleicher Funktion beim SOV und seit 2003 beim Sinfonieorchester St. Gallen, das auch das Opernorchester ist. Er trat mit namhaften Klangkörpern auf, wie dem Festivalorchester Budapest, den Lucerne Festival Strings, dem Sinfonieorchester Basel u. v. m., mit Dirigenten wie Andris Nelsons, Ivan Fischer und Bernard Haitink und bei Festivals wie der Schubertiade. Konzertreisen führten ihn außerhalb von Europa nach Neuseeland, China, Taiwan und Japan. Zoltán Holb lebt mit seiner Familie in der Nähe von St. Gallen.

Wie sind Sie zum Horn gekommen?

Holb Als ich zehn war, gab es in der Schule eine Instrumentenvorstellung mit Blechblasinstrumenten. Mein Freund überredete mich mitzugehen, weil er Musiker werden wollte. Ich ging ihm zuliebe mit, obwohl mich die Musik damals nicht groß interessierte. Schlussendlich wurde er Fußballer und ich Musiker. Ich bin übrigens der einzige in meiner Herkunftsfamilie mit diesem musikalischen Gen.

Wie wichtig ist der Musikunterricht in der Schule?

Holb Musik und Kultur überhaupt sind lebenswichtig. Kinder, die Musikunterricht erhalten, werden intelligenter und haben auch bessere soziale Kontakte. Churchill hat das sehr gut verstanden: Als im Zweiten Weltkrieg in England überall eingespart wurde und es schon fast nichts mehr zum Essen gab, hat er die Kultur trotzdem immer geschützt, mit der Begründung: „Warum sonst machen wir den Krieg?“

Welche Rolle spielen die Hörner im Orchester?

Holb Eine ganz spezielle. Sie sind zwar aus Blech, zählen aber nicht zu den Blechblasinstrumenten, sie bilden eine eigene Gruppe und werden von den Komponisten auch so behandelt. Das Horn hat einen ganz eigenen, weichen Klang, der sich mit allem sehr gut mischt. Anfang des 19. Jahrhunderts wurden die Ventile erfunden, seit dieser Zeit ist alles auf dem Horn möglich, auch chromatische Sachen, die vorher viel schwieriger waren. Auf dem Horn kann man sehr viele Farben erzeugen und man muss anders spielen, wenn man mit einer Flöte spielt als mit einer Posaune.

Der berühmte Hornist Barry Tuckwell hat gesagt, Hornspielen sei wie Fahren mit Höchstgeschwindigkeit auf einer ölverschmierten Fahrbahn. Wie empfinden Sie das?

Holb Ich bin mit dieser Aussage absolut einverstanden. Oboe und Horn gelten als die schwierigsten Instrumente. Das Horn wird auch als göttliches Instrument bezeichnet: Man bläst hinein und nur Gott allein weiß, was herauskommt. Wir spielen Naturtöne bis zum 16. Oberton. In der Tonlage des Horns (wobei die Abstände der Naturtöne immer kleiner werden) kann mit nur geringfügiger Veränderung der Mundstellung bei gleichem Griff auch der nächsthöhere oder nächsttiefere Ton herauskommen. Drum wird das Horn auch „Glücksspirale“ genannt.

Hornisten brauchen also gute Nerven. Wie bereiten Sie sich auf Ihre exponierten Einsätze vor?

Holb Ich bereite mich für das Stück vor, auch mental, eine gewisse Nervosität bleibt aber immer, egal, wie gut man drauf ist. Die Routine spielt bei der Probephase und bei den Konzerten eine große Rolle. Wichtig ist auch der Dirigent, der die Musiker nervös machen oder beruhigen kann. Bernard Haitink war in dieser Hinsicht wunderbar, er verkörperte die Essenz seines ganzen Lebens, und bei ihm wusste man immer, wie man atmen und spielen muss. Bei ihm verlor ich mich in der Musik, es gab weder Zeit noch Raum, rein gar nichts, nur die Musik. Das Gleiche erlebe ich immer wieder mit Kirill Petrenko. Solche Momente erleben zu dürfen, erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit. Man lernt natürlich nie aus. Wir lernen von allen: von guten und schlechten Musikern. Man muss nur filtern können. Von Gerard Korsten haben wir alle wahnsinnig profitiert.

Sie waren Solohornist an der Staatsoper in Budapest und seit 2003 in St. Gallen. Was ist anders beim Opernspiel?

Holb Es ist gut erkennbar, wenn ein Opernorchester Konzertmusik spielt: Der Klang ist differenzierter und facettenreicher als bei einem Konzertorchester. (Ich hoffe, ich trete mit meiner Aussage niemandem zu nahe). Man muss viel sensibler spielen, leiser, die Farben noch feiner ausarbeiten. Es ist viel komplexer, weil auch Sänger dabei sind.

Spielen Sie auch Kammermusik?

Holb Sehr gerne. Kammermusik ist für mich die höchste Kunst des Zusammenspiels. Es ist wunderbar, mit tollen Musikern zusammenzuspielen, einander zu inspirieren und im Spiel zu ergänzen. Das ist für mich die größte und freudigste Herausforderung überhaupt. Ich spiele mit dem Holzbläserquintett Ventus musicus aus Mitgliedern des SOV, mit Stella Brass und ab September bin ich neu bei Sonus Brass dabei.

Was ist für Sie das Besondere am Symphonieorchester Vorarlberg?

Holb Die Atmosphäre, die Leute. Ich bin 1998 noch unter Christoph Eberle dazugekommen. Es ist ein Projektorchester, das aus Freude zusammenspielt, jeder ist froh, dass man sich immer wieder treffen darf. Wie ein Festivalorchester, nur leider nicht besonders gut bezahlt. Es ist traurig, dass in einem reichen Land wie Vorarlberg das Orchester nicht stärker unterstützt wird und dass die Musiklehrer hier fast am schlechtesten in ganz Österreich bezahlt sind. Man sollte generell, egal, ob dies die Musik oder Kultur im Allgemeinen betrifft, großzügiger sein und an die Zukunft unserer Kinder denken. Ulrike Längle

Zoltán Holb spielt im Konzert des Symphonieorchesters Vorarlberg am 18. August bei den Bregenzer Festspielen.