Erfolg für zwei Bregenzer mit Siegfried

15.08.2019 • 12:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Felix Römer und Felix Axel Preißler in „Siegfried. Ein Monolog“. BAYREUTHER FESTSPIELE/KONRAD FERSTERER

Ein gutes Team, darunter die Bregenzer Philipp Preuss und Ramallah Aubrecht, überzeugt bei den Bayreuther Festspielen.

Christa Dietrich

Bayreuth Siegfried Wagner (1869-1930), Schöpfer zahlreicher musiktheatralischer Werke, Dirigent und mehrere Jahre Leiter der Bayreuther Festspiele, sei eine wichtige Figur der deutschen Geschichte, betont Autor Feridun Zaimoglu im Gespräch vor der Uraufführung, bei ihm wird sie vor allem zu einer Kunstfigur. Das seien ja mehrere Stücke in einem, bemerkt eine Zuschauerin beim Schlussapplaus. Er fällt sehr heftig aus im Reichshof in Bayreuth, der schon zu Lebzeiten Siegfried Wagners als großes Lichtspielhaus genutzt und nun revitalisiert wurde. Ein alter Schriftzug ist noch sichtbar, derlei Fassadengestaltung sieht man oft in der nordbayerischen Stadt, in der man sich darum bemüht, das Flair der Residenz von Wilhelmine von Preußen mit Opernhaus, Schloss und Eremitage zu erhalten, in der aber besonders Richard Wagner nicht nur mit seinem Festspielhaus auf dem Grünen Hügel allgegenwärtig ist. Bis zum Überdruss. Wortwörtlich alle paar Meter stößt man im Stadtzentrum auf eine Skulptur (gerne begleitet von einem der Lieblingshunde) und dabei sind die Devotionalien, die gerade jetzt zur Festspielzeit überall feilgeboten werden, nicht mitgezählt. Witzig konterkariert wird derlei Kitsch von einem Ausstellungslogo, popartig bunt zeigt es Siegfried, den Erben, der sich wie Einstein einmal mit herausgestreckter Zunge ablichten ließ.

Keine Doku

Direkte Inspirationsquelle ist es nicht für Feridun Zaimoglu und Günter Senkel, die als Autoren, denen Siegfried, also, der aus der Sage und Richard Wagners Oper, bereits einmal Beschäftigungsmaterial bot, einen Stückauftrag von Festspiel-Intendantin Katharina Wagner, einer Enkelin von Siegfried Wagner, bekamen. Sie taten gut daran, keine Doku zu entwerfen, und wer Texte von ihnen kennt, dem ist klar, dass in diesem „Siegfried“ Leben und Werk, Aussagen und Annahmen, Rezeption und Analysen ineinander verzahnt werden. Und Philipp Preuss reagiert für Kenner seiner Erzählweisen erwartungsgemäß. Aus diesem Grund kam vermutlich der Anruf der Intendantin, der Regisseur aus Bregenz pfeift auf offengelegte Biopic-Möglichkeiten, er entwirft vielschichtige Bilder, benutzt Klischees nur, um sie zu brechen, entwirft so brutale wie banale, so spielerische wie ernste, so rührende wie eklige Szenen und darf sich aus mehreren Gründen sicher sein, dass es funktioniert. Mit Ausstatterin Ramallah Aubrecht, ebenfalls aus Bregenz stammend, ist diese Machart längst erprobt, aber keinesfalls gefährdet auszudünnen, und mit Felix Römer und Felix Axel Preißler hat er gleich zwei Siegfried-Darsteller auf der Bühne, deren Möglichkeiten ihm vertraut sind. Mit Römer hat er an der Berliner Schaubühne die grandiosen Longseller „Kalkwerk“ und „Voyage“ entwickelt und mit Preißler arbeitet Preuss in Leipzig, wo er mittlerweile Hausregisseur ist. Und so gut wie immer liefert ihm Aubrecht die Bildideen.

Interessant ist dabei, dass ja auch Lars Eidinger zu den Schaubühnen-Stars zählt. Er hat den Siegfried in einer dieser TV-Produktionen verkörpert, mit denen deutsche Fernsehmacher ihrem Publikum die Geschichte von Familienclans zwar einigermaßen recherchiert, aber vor allem sehr telegen aufbereiten. Neben den Krupps und den Manns waren das auch die Wagners.

Derlei Unterhaltung, die meist von etwas Nazi-Gebrüll, Spießer-Erotik und Pathos durchzogen ist, liefert Preuss freilich nicht. Die Eckdaten werden souverän vermittelt. Siegfried Wagner verlor früh den Vater, übernahm die Festspiele in einer finanziell schwierigen Zeit, war deutschtümelnder Patriot, richtete sich später aber auch gegen den Antisemitismus, den andere Familienmitglieder geradezu propagierten. Er war aufgrund seiner Homosexualität erpressbar, wurde in die Ehe mit der jungen Hitler-Verehrerin Winifred getrieben, die außerdem dazu beigetragen hat, dass das umfangreiche kompositorische Werk ihres Mannes kleingehalten wird, er zeugte vier Kinder und starb leider sehr früh. Während anstrengender Proben für eine „Tannhäuser“-Produktion, für die er Arturo Toscanini in die Provinz verpflichten konnte, erlitt er einen Herzinfarkt von dem er sich nicht mehr erholte.

Komplexe Thematik im Fokus

Widersprüchlichkeit sagt und schreibt sich leicht, in der Figur Siegfried Wagner lässt sich der Begriff auffächern. Dem Autorenduo und dem Regieteam gelingt es grandios, das Persönliche wie auch die Allgemeingültigkeit dieser Thematik zu vermitteln. Den Monolog mit zwei Schauspielern zu realisieren, bewährt sich. Die Sequenzen aus Interviews, Briefen oder Liedtexten werden zu Ankerpunkten in einem assoziationsreichen Stück, das mit Filmszenen von Schauplätzen wie der Wagner-Villa oder dem Festspielhaus sowie artifiziellen Bildern und vor allem mit dem bis zur Verausgabung facettenreichen Spiel der beiden Darsteller Aufladung erfährt, in dem nicht mehr nur die Person, sondern eine komplexe Thematik im Fokus steht.

Dreimal steht es in Bayreuth noch auf dem Programm, es ist hier am richtigen Ort, taugt mit diesen Schauspielern aber auch locker für einen Renner in einem Theaterunternehmen außerhalb der Festspielstadt.

Infozeile: Weitere Aufführungen von „Siegfried“ im Reichshof in Bayreuth am 15., 19. und 21. August