Magische Klänge von Vorarlberger Musikern

Kultur / 19.08.2019 • 08:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Das Symphonieorchester Vorarlberg unter der Leitung von Ariane Matiakh mit dem Solisten Wolfgang Stefan Schwaiger. BF/DIETMAR MATHIS

Das Symphonieorchester Vorarlberg lieferte ein festspielwürdiges Konzert zum Finale der diesjährigen Saison.

Bregenz Don Quijote in Tönen: das war das Programm des letzten Orchesterkonzerts der Festspiele mit dem Symphonieorchester Vorarlberg, das durch die interessante Werkauswahl und die musikalische Qualität des Gebotenen wirklich festspielwürdig war. Neben Richard Strauss‘ bekannter Tondichtung kamen einleitend zwei französische Quijoterien zu Gehör, die man selten im Konzertsaal erlebt: Maurice Ravels drei Lieder für Bariton „Don Quijote à Dulcinée“ waren seine letzte Komposition, die er ursprünglich für den legendären russischen Bass Fjodor Schaljapin komponierte, der die Titelfigur in Massenets Oper verkörperte und 1932 den ersten Tonfilm über Don Quijote anregte. Ravel sollte die Filmmusik schreiben, was er krankheitsbedingt nicht mehr schaffte. In der zarten „Chanson romanesque“ mit viel Pizzicato und Bläsereinwürfen holt Don Quijote für Dulcinée sozusagen die Sterne vom Himmel, in der „Chanson Heroique“ werden die Heiligen Michael und Georg angerufen, und im abschließenden Trinklied kommen folkloristische Klänge mit Kastagnetten zum Einsatz. Der Innsbrucker Wolfgang Stefan Schwaiger, vor Jahren als Don Giovanni im Opernstudio im Einsatz und heuer als Marullo im „Rigoletto“ zu hören, gestaltete den französischen Text mit seinem schlanken, beweglichen Bariton nuanciert und absolut textverständlich, das Orchester begleitete kammermusikalisch fein.

Breitwandkino

Dann wechselte die Szenerie sozusagen ins Breitwandkino: Jacques Ibert, der schließlich die Filmmusik zum Film mit Schaljapin komponierte, schuf in den 1930er-Jahren auch eine opulente Symphonische Suite „Le chevalier errant“. Zusätzlich zur üblichen Besetzung kommen noch Bassklarinette, Kontrafagott, Alt-Saxophon, Gitarre, Celesta, 2 Harfen und Schlagwerk, mit denen interessante Farbeffekte erzielt werden; gestopfte Trompeten, Posaunen, Hörner und Tuba sorgen für weitere Klangschattierungen. Die vier Sätze folgen einem literarischen Programm, vom Kampf gegen die Windmühlen bis zum triumphalen Finale. Unter der temperamentvollen und stets deutlichen Leitung der französischen Dirigentin Ariane Matiakh entstand ein effektvolles, manchmal tatsächlich an Filmmusik, ab und zu auch an Jazz erinnerndes Tongemälde, mit rhythmisch oft zerklüfteten Figuren in den Streichern, grotesken Klängen, dann wieder hingebungsvoll lyrischen Holzbläserstellen über Geigentremolo, grellem Blech und abwechslungsreichem Schlagwerk. Über das Orchester kann man nur das Beste sagen: die Stimmführer überzeugten in ihren Solostellen, die vielen Pizzicati klangen wie aus einer Hand, das Holz klang farbig, das Blech stand seinen Mann, ob gestopft oder pur, die sechs Hörner kieksten nie, Pauke und Schlagwerker gaben Farbe und Drive.

Das setzte sich in Richard Strauss‘ Variationenwerk „Don Quixote“ von 1898 fort, der ältesten der drei Kompositionen. Strauss legte den 14 Teilen jeweils Szenen aus „Don Quijote“ zugrunde, was leider im Programm nicht vermerkt war, dort standen nur die Tempoangaben, wie z. B. „Gemächlich“ für Variation Nr. 1, in der es um das „Abenteuer an den Windmühlen“ geht, was das Publikum aber leider nicht erfuhr. Schade. Sonst gab es aber nichts auszusetzen. Das Orchester glänzte wieder mit berauschendem Gesamtklang und individuell gestalteten Soli, und der Cellist Maximilian Hornung, langjähriger Solocellist beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, verlieh der geistigen Physiognomie des Ritters von der traurigen Gestalt überzeugenden musikalischen Ausdruck. Er verwandelte sich quasi in Don Quijote selbst und vermittelte die wahnsinnige Kraft ebenso wie die Poesie dieser Figur, etwa wenn er in insistierend repetierten Tonfiguren, die er wie gegen imaginäre Widerstände spielte, den Starrsinn des Mannes von La Mancha klanglich erlebbar machte oder dann wieder verzückt-verrückt in überirdischen Kantilenen schwelgte. Sein sehr irdischer Diener und Gegenpart Sancho Panza wurde von dem südafrikanischen Solobratscher Xandi van Dijk ebenso überzeugend interpretiert, klanglich unterstützt von Tenorhorn und Bassklarinette. Es war ein Konzert, in dem einen die Magie des Klanges Zeit und Raum vergessen ließ, und entsprechend enthusiastisch war der Beifall des Publikums. Vielleicht können die Bregenzer Festspiele ihrem Publikum mit diesem Konzert etwas ins Alltagsleben mitgeben: die Einsicht, dass es sich lohnt, wie Don Quijote einem scheinbar überlebten Ideal nachzujagen, auch wenn man scheitert. Ulrike Längle