Das Ich und die Medien

Kultur / 23.08.2019 • 20:18 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Keine Selbstporträt-Ausstellung ohne Arbeiten von Cindy Sherman, auch in der „Face It“-Schau fehlt die amerikanische Künstlerin nicht. VN/cd
Keine Selbstporträt-Ausstellung ohne Arbeiten von Cindy Sherman, auch in der „Face It“-Schau fehlt die amerikanische Künstlerin nicht. VN/cd

Die Auseinandersetzung mit Selbstporträts und Selbstinszenierungen ist gerade heute wichtiger denn je.

Christa Dietrich

ravensburg So einfach war es noch nie, ein leichtes Tippen mit dem Finger genügt und schon hat man sich selbst verewigt. Einige Fähigkeit in puncto Archivierung vorausgesetzt, können Menschen in unseren Breitengraden binnen kürzester Zeit auf unzählige Selbstdarstellungsvarianten blicken. Auch zu manipulieren sind diese Bildnisse wesentlich einfacher bzw. rascher als das vor Zeiten noch mit Pinsel und Farbe der Fall war. Dass sie zumeist manipuliert sind, das heißt, dem jeweiligen Ausdruckswillen angepasst wurden, steht aber wohl außer Frage. „Face It. Im Selbstgespräch mit dem anderen“ betitelt das Kunstmuseum Ravensburg eine sehenswerte Ausstellung, die Malerei, Fotografie und Zeichnung bunt durcheinander mixt und sich dennoch nicht in der Beliebigkeit verliert.

Denn während wir uns bei den Alten Meistern, also Rembrandt und Co, sowie bei Vertretern der Klassischen Moderne oder der Neuen Sachlichkeit – nennen wir einmal Erich Heckel, Otto Dix oder Rudolf Wacker – unwillkürlich die Frage stellen, wie und ob die Genannten ihr Selbstbewusstsein, die gesellschaftliche Position, die Profession oder das Hadern mit dem Ich zum Ausdruck bringen, das Spiel mit den Möglichkeiten ist bei der Fotografie wesentlich größer. Wie die amerikanische Künstlerin Cindy Sherman wirklich aussieht, weiß man lediglich in ihrem privaten Umfeld oder unter Kuratoren, die allesamt jedoch das Fotografierverbot einhalten, der Öffentlichkeit präsentiert sie sich stets in unterschiedlicher Verkleidung. Und meistens wird dabei ein politisches Statement, Kritik an der Politik oder an Rollenmustern zum Ausdruck gebracht.

Bis zum Emoji

Sherman ist selbstverständlich vertreten in dieser Schau. Wie auf einem historischen Porträt in Schale geworfen, verdeutlicht sie, wie das Mienenspiel einen gesellschaftlichen Rang verrät. Die deutsche Künstlerin Asta Gröting überhöhte Emojis in Glasskulpturen und zeigt damit die vielfältigen Möglichkeiten der Darstellung, die uns die Medien mittlerweile bieten und wie rasch ein Ausdruck auch fehlgedeutet werden kann. Erinnert wird man in Ravensburg somit auch an die laufende Ausstellung im Kunstraum Dornbirn, wo Silvie Fleury ein Emoji riesig aufbläst, dessen Basis das eigene Abbild ist. Die Ekstase hat Maler seit Jahrhunderten beschäftigt. Heckel und Kirchner bieten neuere Zeugnisse. Mark Wallinger hingegen dringt mit Bildern von Schlafenden in private Bereiche vor, die längst nicht mehr geschützt sind.

Zu den Ikonen der zeitgenössischen Fotografie zählen Arbeiten von Nan Goldin von Drag Queens, mit denen sie das Plädoyer, die sexuelle Identität selbst bestimmen zu können, unterstreicht. Es sind viele erfahrenswerte Geschichten, die dem Besucher erzählt werden, der erneut auch aufgrund der Sammlungsbestände dieses Hauses in der Bodenseeregion mit dem großen Bereich der Kunst des 20. Jahrhunderts konfrontiert wird.

Geöffnet bis 29. September im Kunstmuseum Ravensburg, Di bis So, 11 bis 18 Uhr, Di, 11 bis 19 Uhr. Folgeausstellung: Natalie Djurberg & Hans Berg, ab 19. Oktober.