Hier geht es ans Eingemachte

Kultur / 26.08.2019 • 21:12 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Auch im Großen Festspielhaus in Salzburg bejubelt: Kirill Petrenko als nunmehriger Chefdirigent der Berliner Philharmoniker.festspiele/Marco Borelli
Auch im Großen Festspielhaus in Salzburg bejubelt: Kirill Petrenko als nunmehriger Chefdirigent der Berliner Philharmoniker.festspiele/Marco Borelli

Kirill Petrenko mit den Berliner Philharmonikern, Beethoven und einer starken Botschaft.

Christa Dietrich

Salzburg Kaum war der letzte Ton verklungen, schon schossen die ersten für die stehenden Ovationen aus ihren Sitzen hoch. Das Tempo zählte aber auch grundsätzlich zu den Besonderheiten dieses Abends. Nach dem Auftaktkonzert im Stammhaus bekundete nun auch das Salzburger Festspiel-Publikum, dass sich die Berliner Philharmoniker mit Kirill Petrenko einen Dirigenten zum Chef gewählt haben, dessen Arbeit die Klassikfans mehr als nur goutieren und mit großem Interesse verfolgen wollen. Petrenko ist mit diesem renommierten Klangkörper nicht zum ersten Mal im Großen Festspielhaus, doch die Strahlkraft ist nun weit größer als im Vorjahr, als er etwa mit Dukas, Prokofjew und Schmidt sowie mit der Pianistin Yuja Wang begeisterte. Ein Statement ist die Programmwahl wie die Interpretation. Mit Beethovens Symphonie Nr. 9 und der Suite aus Alban Bergs Oper „Lulu“ verweist er auf die von Ausgrenzung, Rassismus und Krieg gezeichnete Geschichte Europas, wo die dem „Götterfunken“-Finale innewohnenden Friedens-Appelle („alle Menschen werden Brüder . . .“) auch im Hinblick auf das Erstarken der äußerst Rechten nottun.

Besondere Begegnung

Dass er über die Erläuterung der Saisonprogrammwahl hinaus schon seit einigen Jahren keine Interviews mehr gibt, ist nachvollziehbar. Allüren hat der akribisch arbeitende Künstler wohl keine, der einmal am Feldkircher Landeskonservatorium studierte und unter anderem mit ehemaligen Kollegen, das heißt, mit dem Vorarlberger Symphonieorchester einen Mahler-Zyklus realisiert, dessen Finale noch ausständig ist, aber sicher nicht ausgelassen wird. Spezifische Fragen zur Interpretation durfte man ihm durchaus stellen, in der Zeit als Generalmusikdirektor der Komischen Oper erlaubte er sogar, zu höchst ungewöhnlicher Zeit bei ihm im Büro vorbeizukommen. Ich erinnere mich an ein Gespräch nach einer „Figaro“-Aufführung, das bis nach Mitternacht dauerte. Petrenko bekundete seine große Offenheit bezüglich Regieideen und erwähnte aber auch eine wenig inspirierende Kulturpolitik, die nur die Besucherzahlen im Auge hatte. Wir sollten uns die mehrstellige Nummer des Ganges genau merken, erklärte uns der Portier beim Eintreffen. Später war uns klar warum, und Petrenko haben wir nie erzählt, dass wir nach der Verabschiedung im Labyrinth dieses Gebäudes feststeckten bzw. herumirrten und erst nach geraumer Zeit wieder in die saukalte, bald zu Ende gehende Berliner Februarnacht hinausfanden.

Um den Besucherschwund braucht sich Petrenko nun keinen Kopf zu machen. Die Erfolge mit dem Bayreuther „Ring“ sind ebenso legendär wie einige Produktionen als noch amtierender GMD der Münchner Staatsoper. Bergs „Lulu“, phänomenal mit Marlis Petersen realisiert, zählt dazu. Mit Eiseskälte in der Stimme interpretiert die Sopranistin den Part. Der Maestro hat keine Scheu, die Abgründe dieses Opus hörbar zu machen, und das glanzvoll mit allen Stars besetzte Orchester ist mit ihm eins.

Präzise erarbeitet

Ihren Beethoven haben sie sowieso drauf, Petrenko-Vorgänger Simon Rattle hat in Berlin einen Zyklus realisiert, und das Beethoven-Jahr, in dem an den 250. Geburtstag des Komponisten erinnert wird, naht. Die Neunte beginnt feurig und in zügigerem Tempo als gewohnt, dafür darf das Adagio in überirdischer Schönheit leuchten, fast um hinüberzuführen in ausgefeilte Klangballungen, die Erleuchtung, tiefen Schmerz, sogar völlige Desillusionierung vermitteln. Freude gibt’s nicht über ein imaginäres Füllhorn, sie muss präzise erarbeitet werden. So lässt sich die Botschaft zusammenfassen, die das Orchester mit seinen grandios aufgestellten Bläsern, der Rundfunkchor Berlin und neben Marlis Petersen die weiteren Solisten Elisabeth Kulman, Benjamin Bruns und Kwangchul Youn vermitteln. Ehrfurcht steht anderswo auf dem Programm, hier geht es ans Eingemachte.

Nach Salzburg folgen Konzerte in Luzern und weiteren Städten. Im kommenden Jahr sind die Berliner Philharmoniker in Tel Aviv, wo ein Mahler dabei ist, der nun schon so gut durchklang.