Schwarzer Humor und beeindruckende Akrobatik

Kultur / 30.08.2019 • 14:10 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Die französischen Akrobaten punkteten beim Publikum mit waghalsigen Balanceakten und einer schönen Botschaft. VN/PAULITSCH

Vorarlberg-Premiere: Der „Cirque Inextremiste“ bringt ein Stück auf die Bühne, das seinesgleichen sucht.

Tanja Schwendinger

Lustenau Es ist einem Schicksalsschlag geschuldet, dass der französische „Cirque Inextremiste“ ein Programm auf die Bühne bringt, das in dieser Form seinesgleichen sucht. Im Jahr 2005 stürzte Rémy Lecoc während seiner Artistenausbildung in Paris schwer und lag einen Monat lang im Koma. Seither ist der Artist an den Rollstuhl gefesselt, was ihn aber noch lange nicht daran hindert, seine große Leidenschaft weiterhin auszuüben – nur eben etwas anders. Das beeindruckt, und da stockt einem aufgrund der gewagten Balanceakte schon mal der Atem. Im Freudenhaus war die Vorarlberg-Premiere vor ausverkauftem Haus zurecht ein voller Erfolg.

Viel braucht es nicht für waghalsige Stunts. Mit ein paar dicken Holzbrettern und orangen Gasflaschen, die in einem heruntergekommenen Hinterhof liegen, brechen Rémy Lecoc und seine Kumpane Yann Ecauvre und Sylvain Briani-Colin die Gesetze der Schwerkraft auf spektakuläre Weise. In zwei Metern Höhe schlagen sie Saltos und klettern beinahe kerzengerade Bretter hinauf. Dabei können sie sich nur in der Luft halten, wenn das Gewicht der drei Männer im Gleichgewicht bleibt.

Die Akrobaten Ecauvre und Briani-Colin lieben es, mit dem Publikum Späßchen zu machen. Da fliegt einem mal ein Turnschuh um die Ohren und ein Zuschauer wird spontan Teil einer Artisteneinlage auf einer Holzwippe. Ohne zu viel zu verraten: An Schreckmomenten mangelt es bei dieser Aufführung nicht.

Fiese Streiche

In erster Linie haben es die Burschen aber auf den Rollstuhlfahrer abgesehen. Ohne jegliche Rücksicht wird er von den beiden zum Opfer fieser Streiche. „Political Correctness“ ist in diesem Stück ohnehin ein Fremdwort, vielmehr lebt es von jeder Menge schwarzem Humor, auch wenn kaum ein Wort fällt. Die Hinterhofburschen mobben den Gehandicapten, indem sie ihm seine Urinflasche wegnehmen, mit seinen Turnschuhen Fußball spielen und ihn mit ordentlich Tempo durch eine Wellblechwand schubsen. Doch der Schwächere weiß sich zu wehren und dreht den Spieß um. Er übernimmt das Kommando, wirbelt die Akrobaten auf den Holzbrettern mit einem hämischen Blick umher, während sie nun darum flehen, verschont zu bleiben.

Gleichzeitig ist das Trio in jeder Sekunde aufeinander angewiesen. Denn: Wenn einer fällt, fallen alle. Die Suche nach dem Gleichgewicht und die Solidarität in der Gesellschaft entpuppen sich schließlich als zentrale Botschaft des Stücks. Das wirkt nach und wird mit frenetischem Applaus quittiert.

Der französische „Cirque Inextremiste“ gastiert noch am 30. und 31. August um 20.30 Uhr im Freudenhaus in Lustenau. Infos unter freudenhaus.or.at