Themen, die auf den Nägeln brennen

Kultur / 30.08.2019 • 19:10 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Die österreichische Erstaufführung der Oper „Der Reigen“ von Bernhard Lang fand in Bregenz statt. Die Produktion kommt an die Neue Oper Wien. „Die Empörten“ (Bild unten) kommt von Salzburg nach Stuttgart. Stiplovsek, APA
Die österreichische Erstaufführung der Oper „Der Reigen“ von Bernhard Lang fand in Bregenz statt. Die Produktion kommt an die Neue Oper Wien. „Die Empörten“ (Bild unten) kommt von Salzburg nach Stuttgart. Stiplovsek, APA

Die nun beendeten großen europäischen Festspiele erreichen damit in wenigen Wochen ein Millionenpublikum.

Christa Dietrich

Salzburg, Bregenz Jupiter muss sich in ein Insekt verwandeln, um bei der Auserkorenen landen zu können, Don Quijote hat es bequemer, er findet das Auslangen damit, sich die amourösen Abenteuer nur zu imaginieren. Damit ist aber auch Schluss mit lustig, das Programm der großen europäischen Festspiele war auch heuer nicht von Komödien dominiert. Offenbachs „Orphée aux enfers“ bescherte Salzburg ein präzise erarbeitetes Amusement, Miguel de Cervantes bzw. der Komponist Massenet lieferte den Bregenzern die Möglichkeit, sich auch humorvoll mit Männer- und Heldenbildern im Laufe der Jahrhunderte zu beschäftigen, grundsätzlich galt es in diesem Sommer aber der Tragödie oder zumindest dem Drama. Ungeachtet dessen, dass der Herzog von Mantua als #metoo-Typ par excellence agiert, erreichte man am Bodensee mit der neuen „Rigoletto“-Produktion 180.000 Besucher. Ohne ein dreimaliges Gewitter hätten noch weitere 16.000 Personen die schon vor der Premiere ausverkaufte See-Inszenierung von Philipp Stölzl gesehen, die sich auf dem riesigen Clownskopf samt fahrbarem Ballon als die bewegteste der Festspielgeschichte erwies. Dass man musikalisch längst auf hohem Niveau agiert, dafür steht beispielsweise Enrique Mazzola, der in Salzburg der Offenbach‘schen Partitur Zunder gab und in Bregenz den Verdi keineswegs zum Leierkasten-Stück verkommen ließ.

Nun aber Klartext, in Bregenz zählte man rund 250.000 Besucher, in Salzburg, wo die Festspiele gerade erst zu Ende gingen, rund 271.000 und weil das Fernsehen vieles davon ausstrahlte – heuer beispielsweise auch wieder einen neuen, höchst inspirierenden „Tannhäuser“ aus Bayreuth, der die Lebendigkeit des Musiktheaters generell dokumentierte – beschäftigte sich innerhalb von zwei Monaten ein Millionenpublikum mit anspruchsvollen Werken. Auch wenn es gratis war, ist es nicht selbstverständlich, dass etwa 30.000 Menschen vor dem Brandenburger Tor in Berlin der 9. Symphonie von Beethoven lauschten. Die Berliner Philharmoniker unter dem neuen Chef Kirill Petrenko, der nicht zufällig gerade jetzt ein Werk gewählt hat, in dem die Europa-Hymne durchklingt, haben entsprechende Zugkraft. Immerhin ein Zehntel dieser Menge hat zwei Tage zuvor in Vaduz ordentlich Geld hingelegt, um einmal ein paar Minuten das Klavierspiel von Lang Lang zu erleben. Dabei darf auch erwähnt werden, dass die Festspielnächte in Salzburg eine wunderbare Einrichtung sind, dem Publikum werden nicht nur alte Inszenierungen gezeigt. „Orphée aux enfers“ war kurz nach der Premiere dabei. Gäbe es in Bregenz ein solches, technisch allerdings sehr aufwändiges Public Viewing, dann hätten noch mehr Menschen mitgekriegt, wie unterhaltsam sich „Don Quichotte“ von Massenet umsetzen lässt. Die Inszenierung von Mariame Clément mit Bildern, die sich quer über die Jahrhunderte erstrecken, wird gottlob nicht eingemottet, die Produktion kommt an ein deutsches Staatstheater. Und „Der Reigen“ von Bernhard Lang, jenes Stück, das erstaunlicherweise vor den Bregenzern noch nie jemand in Österreich, der Heimat des Komponisten, angeboten hatte, erfuhr durch Alexandra Liedtke  eine psychologisch plausible Inszenierung und wird in Wien noch auf den Spielplan kommen. Die Salzburger Opernproduktionen laufen im Allgemeinen so oft und so lange, dass einem nicht bange sein muss, dass sie zu wenig Verbreitung finden. Die gefeierte „Salome“-Inszenierung des Vorjahres kam heuer noch einmal ins Programm. Am ersten Aufführungstermin begegnete man Leuten, die strahlend vor Vorfreude zum Festspielhaus unterwegs waren.

Außergewöhnlich

Ähnliches erfuhr man beim Verlassen der „Oedipe“-Premiere. Und das ist etwas Außergewöhnliches, denn George Enescus Werk ist weit weniger eingängig als jenes von Richard Strauss, geriet in der Interpretation der Wiener Philharmoniker unter Ingo Metzmacher aber zur musikalischen Entdeckung der Saison, während Regisseur Achim Freyer lediglich jenes Figurentheater ablieferte, das man von ihm erwarten konnte, mehr nicht. Teodor Currentzis erging es ähnlich, sein „Idomeneo“ mit dem Freiburger Barockorchester war festspielwürdig wie nur etwas, während sich der auch als Salzburger Festredner engagierte, um die Umwelt besorgte Regisseur Peter Sellars in Botschaften verstrickte, die keineswegs zum besseren Verständnis der hochpolitischen Mozart-Oper beitrugen oder gar weitere Aspekte ausleuchteten. Die Bekanntschaft von Currentzis und Valentin Uryupin, dem Dirigenten des „Eugen Onegin“, dürfte mit ein Grund gewesen sein, dass man in Bregenz den Opernchor Perm bekam, zwar nur über die Steckdose, denn eingesungen wurde der Tschaikowski zu Hause, das aber so phänomenal, dass das Symphonieorchester Vorarlberg punktgenau darauf reagieren konnte.

Apropos Technik: Auf diese vertraute auch Simon Stone als Regisseur von Cherubinis „Médée“. Er siedelte das antike Ehedrama mit vielen Filmsequenzen in Salzburg an und verlieh dem Stoff weit mehr Bühnentauglichkeit als es Andrea Breth vor einigen Monaten in Berlin vermochte. Elena Stikhina erwies sich in der Titelrolle, so wie Elena Zhidkova als Venus im Bayreuther „Tannhäuser“, als großartige Einspringerin der Saison. 

Mit einem unweit größeren Budget in Salzburg Gang und Gäbe, gelang den Bregenzern heuer wieder die Finanzierung einer Schauspielpremiere: „Don Quijote“ dürfte am Deutschen Theater in Berlin, dem Kooperationspartner, eine lange Laufzeit beschieden sein, Ulrich Matthes und Wolfram Koch brachten den tiefen Ernst wie den Zauber des Stücks von Jakob Nolte nach Cervantes zur Wirkung. Das Hamburger Thalia-Theater bewies für die Salzburger auf der Perner-Insel, dass Molnárs „Liliom“ mit emanzipatorischer Aufladung und kleinen Eingriffen bezüglich der Gewalt durchaus spielbar ist. Und Theresia Walser bringt in „Die Empörten“, die nach der Uraufführung in Salzburg in Stuttgart weiterlaufen, ebenfalls zum Ausdruck, was in der heutigen politischen Situation auf den Nägeln brennt. Auch oder gerade, wenn sie das Genre der Komödie oder die Satire bedient.

Festspiele 2019 in Zahlen

 

Bregenz

Fünf Opernproduktionen, davon eine Österreich-Premiere und eine Uraufführung, eine Schauspielpremiere, Konzerte. Gesamtbesucher: rund 250.000. Subvention: 6,94 Millionen Euro

 

Salzburg

Fünf Opernproduktionen, zwei Wiederaufnahmen, konzertante Opern, fünf Schauspielproduktionen, davon vier Neuinszenierungen, eine Wiederaufnahme, zahlreiche Konzerte. Gesamtbesucher: rund 271.000. Subvention: 13,44 Millionen Euro.

 

TV-Übertragungen

Bislang an die fünf Millionen Zuschauer in mehreren Ländern.