Mit Edwin Wallmann verstarb der Nestor der Vorarlberger Kirchenmusiker

Kultur / 31.08.2019 • 18:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Edwin Wallmann an seiner geliebten Gollini-Orgel in Hohenems. JU

Edwin Wallmann hatte blindes Vertrauen in Gott und die Musik.

Hohenems Als Organist und Leiter des Kirchenchors St. Karl während Jahrzehnten und vor allem als Gründer und Leiter der dortigen Chor- und Orgeltage hat sich Prof. Dr. Edwin Wallmann als eine Art Vaterfigur der Vorarlberger Kirchenmusiker bleibende Verdienste um die Musica sacra im Land erworben. Er wurde dafür mit der Verdienstmedaille der Diözese Feldkirch und dem Goldenen Verdienstzeichen der Stadt Hohenems geehrt. Nun ist Wallmann im 97. Lebensjahr nach langer Krankheit sanft entschlafen.

Das Schicksal hat es nicht gut mit ihm gemeint, denn Wallmann kam fast blind zur Welt. Ein tiefes Gottvertrauen, ein eiserner Wille und seine Liebe zur Musik ließen ihn diese besondere Situation meistern und begleiteten ihn durch ein trotz seiner Behinderung letztlich glückliches und erfülltes Leben. Mit der ihm eigenen Zähigkeit studierte er in Innsbruck Geschichte und Musikwissenschaft und absolvierte die LBA, obwohl er als Blinder dabei Fächer nachholen und doppelt so viel arbeiten musste wie seine sehenden Mitschüler. 1953 promovierte er zum Doktor der Philosophie und unterrichtete 35 Jahre lang an Vorarlberger Schulen. Mit diesem Brotberuf hatte er ab 1962 auch eine bald vierköpfige Familie zu ernähren, in der seine Frau Annemarie ihm stets eine liebevolle Stütze bei der Bewältigung der Alltagsprobleme war.

Steiniger Weg zum Musiker

Zur Musik kam Wallmann sehr früh über die Hausmusik seiner Mutter und seines Onkels. „Das hat mich sehr berührt, damals schon“, erinnerte er sich in einem VN-Porträt 2010. Als der Bub zehn war, stand für ihn ein Klavier im Haus, das sich die Eltern vom Mund abgespart hatten: „Ich musste es sofort ausprobieren, einfach nach Gehör.“ Der Weg zum Musiker war dann für ihn natürlich ein sehr steiniger. Noch bevor er herkömmliche Noten mit Hilfe einer Lupe oder eines Vergrößerungsbildschirms lesen konnte so wie die Normalschrift, kannte Wallmann sie aus Brailles Blindennotenschrift: „Mit einer Hand habe ich die Schrift abgetastet, mit der anderen die Töne am Klavier zusammengesucht.“ Ohne intensives Gedächtnistraining, ohne Fleiß und Durchhaltevermögen ging da gar nichts. Doch Edwin beherrschte mit der Zeit alles Notwendige am Klavier und später auch auf der Orgel, wo er sich selbst große Werke von Bach auf diese Weise aneignete.

Von 1955 bis 1993 vermochte er als Dirigent des Kirchenchors St. Karl seine Sänger stets mit neuen Ideen und Programmen zu begeistern, führte mit ihnen zu Zeiten der Schubertiade in Hohenems aber auch die beiden größten Schubert-Messen auf, später Bruckner, Puccini, Palestrina – alles auswendig, die Partituren im Kopf. Er spielte von 1940 bis zu seinem 90. Lebensjahr dort jeden Sonntag ohne jede Assistenz eine Messe an der Gollini-Orgel: „Ich musste nicht nur die Lieder, sondern auch deren Reihenfolge im Kopf haben. Wenn ich nicht mehr weiterwusste, half mir ein Stoßgebet zum lieben Gott.“

Denkwürdige Aufführung

Dieses Instrument gab Wallmann 1991 auch die Initialzündung zur Gründung der Hohenemser Chor- und Orgeltage, die heuer im 29. Jahr erfolgreich von seinem Sohn Christoph und dessen Freund Peter Amann weitergeführt werden: „Ich wollte zeigen, dass man die Orgel auch konzertant außerhalb des Gottesdienstes verwenden und mit guten Chören kombinieren kann.“ Immer wieder träumte er vom groß besetzten, tiefgreifenden geistlichen Werk „Das Buch mit sieben Siegeln“ von Franz Schmidt, dessen Uraufführung er als 17-Jähriger miterlebt hat. Nach Überwindung unglaublicher finanzieller und logistischer Hürden setzte er 2000 in Hohenems eine denkwürdige Aufführung unter dem Dirigenten Manfred Honeck durch. Es mag wohl einer der schönsten Tage im Leben des blinden Edwin Wallmann gewesen sein. Fritz Jurmann