Unpop-Ensemble brachte neue Produktion auf die Bühne

Kultur / 05.09.2019 • 20:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Im Kulturhaus feierte das Stück "Wut" von Elfriede Jelinek Premiere. Veranstalter
Im Kulturhaus feierte das Stück „Wut“ von Elfriede Jelinek Premiere. Veranstalter

Das Ensemble für unpopuläre Freizeitgestaltung inszeniert Elfriede Jelineks Drama „Wut“ auf eher leisen Sohlen.

Dornbirn Verkürzt nennt sich das Vorarlberger Ensemble um Stepan Kasimir, Caro Stark und Thomas Bechter „Unpop“ und seit 2016 inszeniert es Stücke, die auf sprachlich komplexen Werken beruhen. Mit Wolfram Lotz fanden sie zu Beginn einen Autor, der punkto Sprache auf ähnlicher Wellenlänge zu sein scheint, und den sie gleich für zwei Produktionen wählten. Auch die deutsche Schriftstellerin Anne Lepper passt offenbar gut in das Konzept der Theatermacher. Leppers Stück „Käthe Hermann“ löste in der Interpretation von „Unpop“ vor zwei Jahren bei so manchem Zuschauer eine zum Thema passende Gänsehaut aus. Aktuell wendet sich das Ensemble der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek zu. In einem noch relativ neuen Werk stellt die Autorin eine in Gesellschaft und Politik allzu gegenwärtige Emotion in den Mittelpunkt: die Wut. Elfriede Jelinek verfasste das über 100 Seiten lange Drama als Reaktion auf die zwei islamistisch motivierten Terroranschläge in Paris. Drei junge Männer stürmten 2015 die Redaktion der Satire-Zeitung „Charlie Hebdo“ und auf einen koscheren Supermarkt. Es wurden sechszehn Menschen getötet und weitere verletzt.

Textsicherheit

In ihrem Text beleuchtet die Autorin Wut aus verschiedenen Perspektiven und vor dem Hintergrund von griechischer Mythologie, Geschichte, Gesellschaft und ihren eigenen Erfahrungen. Regisseur Kasimir verwendet einen Teil des Gesamttextes und überlässt ihn vier jungen Schauspielerinnen, die mit Textsicherheit überzeugen.

Christina Scherrer, Katharina Haudum, Michaela Spänle und Maria Strauss erinnern mit Frisur und Make-up an die Autorin selbst. Sie tragen schwarze Tarnanzüge beinahe nachlässig hängt jeweils ein Maschinengewehr an dünnem Seil an ihrem Rücken. Sie treten mit großen, schwarzfedrigen Flügeln auf und sprechen den Text zum Großteil synchron. Die imposanten Flügel haben am Anfang und Ende des Stücks ihren einzigen Auftritt, dazwischen schweben sie unsichtbar über der Bühne, werden aber in der häufigen Erwähnung des Adlers, der dem Titanen Prometheus während seiner Gefangenschaft immer wieder von der Leber frisst, in Erinnerung gebracht. Im Mittelpunkt der Bühne steht eine goldene Treppe mit einladendem Tor, flankiert ist diese von übergroßen Wolken, die mal weiß leuchten und dann als Projektionsfläche für Lichtstimmungen und Videoeinspielungen dienen. Die Ausstattung von Caro Stark ist wie gewohnt opulent und wirkt einladend für raumgreifendes Spiel, was in dieser Inszenierung jedoch nicht stattfindet. Die vier Figuren sind zwar sowohl solistisch zu hören als auch in einem Chor, ihre Bewegungen bleiben dabei aber eher statisch und konsequent zum Publikum ausgerichtet. Die Stimmen der Schauspielerinnen wirken wie gleichgeschaltet und die Klangfarbe spielt sich in mittleren bis höheren Tonlagen ab. Der Körperausdruck der Frauen weist eher eine kühle und beobachtende Distanz als die vehemente Angriffslust einer der stärksten Emotionen auf.

Luftiges Spiel

Damit räumt Regisseur Kasimir zwar dem komplexen Text Jelineks den roten Teppich aus, lässt gleichzeitig damit aber die Struktur aus, die den Zuschauenden Halt geben würde. Man verliert sich in den Worten, und Wut im Schauspiel sucht man bei diesem Stück vergeblich. Möglich, dass das Ensemble die Erwartung des Publikums absichtlich nicht erfüllen möchte und eine Verweigerung der Möglichkeiten in einer vernetzten und multimedial pulsierenden Welt durch das Nicht-Nutzen der Bühne bildhaft vor Augen führt. Bei diesem eher luftigen Spiel vor geradezu himmlischer Kulisse konnte aber auch das scharfe Stakkato der Maschinengewehrsalven und die plötzlichen Einspielungen zahlreicher Videoclips die Sehnsucht nach einem aggressiven Schreien oder erdigen Aufstampfen als deutliche Symbole der Wut nicht stillen. Mirjam Steinbock

Weitere Vorstellungen am 19., 20., 21. und 22. September jeweils um 20 Uhr, Kulturhaus Dornbirn. Karten unter www.unpop.at oder www.laendleticket.at