Liebe der Götter ist von unsagbarer Süße

Kultur / 10.09.2019 • 18:01 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Die Salzburger Festspiele haben sich 2019 dem Mythos verschrieben. Und da erweist sich „Orpheus in der Unterwelt“ als der diesjährige Geheimtipp. Kurzum: Entmythologisierung mit Humor. Eine grandiose Inszenierung, ein betörendes Bühnenbild, ein dionysisches Erlebnis. Barrie Kosky, Intendant der Komischen Oper Berlin und Erfolgsregisseur, erwies sich bei seinem Debüt in Salzburg wieder einmal als Opernmagier. Die Sänger, allen voran Kathryn Lewek als Eurydice, Marcel Beekman als Pluton und Martin Winkler als Jupiter begeistern mit dem Vocalconsort Berlin und den hervorragenden Wiener Philharmonikern unter Dirigent Enrique Mazzol aim Haus für Mozart. Bühne, Kostüme, Licht, Choreografie und Dramaturgie, bei Koskys „Orpheus“ überzeugt einfach alles.

Im Mittelpunkt steht die Parodie auf die griechische Sage von Orpheus und seiner Gattin Eurydike. Euridike hat ihren auf der Geige fiedelnden Orpheus satt. Nach einem Streit wird Euridike von ihrem Geliebten Pluto entführt. Alsbald findet auch der Götterkönig Jupiter Gefallen an ihr und sie an ihm. Der Wettstreit zwischen Jupiter und Pluto um die Gunst der selbstbewussten Eurydike gipfelt in einem Höllenritt in die Unterwelt.

Kosky aktualisiert mit seinem surrealen „Orpheus Panoptikum“ virtuos Offenbachs Kritik an bürgerlicher Pseudomoral und Scheinheiligkeit und beweist, wie überholt die Grenzziehung zwischen leichter Muse und erhabener Oper ist . Geboren 1967 in Melbourne als Sohn jüdisch-russischer und polnischer Emigranten verfällt er bereits als Siebenjähriger der Oper. Mit 23 Jahren wird Barrie Kosky bereits künstlerischer Leiter der Gilgul Theatre Company. Es folgte die Leitung des Adelaide Festivals. Dabei wandte sich Kosky immer wieder auch Fragen jüdischer Kultur und jüdischer Identität zu.

Während seiner steilen Karriere machte er auch am Wiener Schauspielhaus Station. Seine Inszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“ bei den Festspielen in Bayreuth wurde ebenso bejubelt wie seine „Zauberflöte“ im eigenen Haus. Die Komische Oper gilt zu Recht als spannendstes Opernhaus Deutschlands, das auch junges Publikum in seinen Bann zieht. Das Energiebündel Kosky entführt uns mit genialen Einfällen und subversiver Ironie in seine wunderbare Opernwelt, bunt, wild, überraschend anders. Da lässt er Teufel und Bienen um die Wette tanzen. Und der herausragende Max Hopp als Styx verzaubert uns mit Slapstick und Live-Synchronisation. Drei Stunden, keine Sekunde Langeweile und tosender Applaus. Von einem Regisseur und Intendanten wie Kosky können wir für Wiens Staatsoper leider nur träumen. Interessant wäre auch, was Barrie Kosky auf die Seebühne zaubern würde.

„Von einem Regisseur und Intendanten wie Kosky können wir für Wiens Staatsoper leider nur träumen.“

Gerald Matt

gerald.matt@vn.at

Dr. Gerald Matt ist Kulturmanager und unterrichtet an der Universität für Angewandte Kunst in Wien.