Romanze in einer digitalisierten Welt

Kultur / 11.09.2019 • 18:23 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Emmi und Leo lernen sich durch einen winzigen Zahlendreher kennen. Sony Pictures
Emmi und Leo lernen sich durch einen winzigen Zahlendreher kennen. Sony Pictures

Bestsellerroman „Gut gegen Nordwind“ kommt auf die Leinwand.

DRama Mit „Gut gegen Nordwind“ hat Vanessa Jopp den Bestseller von Daniel Glattauer verfilmt. Das Ergebnis ist ein subtiler Liebesfilm mit problematischer Dreiecksbeziehung in der digitalisierten Welt. Wenngleich der Film nicht mit Romantik spart, liegt seine wahre Stärke in der Betrachtung und Darlegung der Natur zwischenmenschlicher Nähe im digitalen Zeitalter. Hauptfigur Leo bekommt in der Endphase seiner langjährigen Beziehung Mails von Emmi, die eigentlich ein Abo bei einem Verlag kündigen will und sich bei der Mailadresse verschrieben hat. Aus einem zunächst ruppigen Wortgefecht wird bald ein Flirt, und beide verlieben sich ineinander, ohne sich jemals in der Realität getroffen zu haben. So unterhalten sich die beiden über ihre innersten Gefühle und Probleme. Doch Emmi ist bereits verheiratet.

Fehler, Ängste und Probleme

Auch mit einigen Handlungsänderungen ist Glattauers Briefroman schwer zu verfilmen: Film kommuniziert mit Bildsprache und Musik tendenziell emotionaler und ungreifbarer als Schrift. Die poetisch inszenierten, gesättigten Bilder und die subtile Musik arbeiten den Kontext der Mails aus und setzen diese in Relation zur Lebens- und Gefühlsrealität der Figuren. Tschirner und Fehling geben der Handlung durch ausgefeilte feine und minutiöse Mimik eine wichtige zusätzliche emotionale Ebene, sodass sie mit all ihren Fehlern, Ängsten und Problemen wunderbar menschlich und sympathisch sind.

Dass seit dem Erscheinen des Buches bereits 13 Jahre vergangen sind und der Film in der Gegenwart spielt, stellt ihn vor einige Probleme. Zwar werden nun Smartphones, die es 2006 noch nicht gab, gekonnt in die Handlung eingebaut und teils sogar als Ersatz des tatsächlichen Mailpartners zärtlich im Bett vor dem Einschlafen gestreichelt, während man noch auf den digitalen Gute-Nacht-Kuss hofft. Doch das am Anfang gegebene Versprechen, sich nicht gegenseitig zu googeln, gibt der Beziehung 2019 den Status eines Sozialexperiments, das spätestens mit wachsender emotionaler Beteiligung der beiden Figuren nicht mehr angebracht erscheint.

„Gut gegen Nordwind“ funktioniert als Liebesfilm, weil die selbst auferlegte Fernbeziehung und die Anonymität im digitalen Raum eine ganz eigene intensive Vertrautheit und Verbindung zwischen Leo und Emmi schafft, die aufgrund der eindrucksvollen schauspielerischen Leistung sehr berührend inszeniert ist. Doch fehlt das I-Tüpfelchen zum Glück – die physische Nähe. Oder würde diese den Mythos der perfekten Person am anderen Bildschirm zerstören? Weil sich die beiden Figuren manchmal gerade wegen des Blicks aufs Smartphone in der Realität nicht sehen, drängt sich die Frage auf, ob uns digitale Medien nicht doch einsamer machen.

Gut gegen Nordwind

Regie Vanessa Jopp

Darsteller Nora Tschirner, Alexander Fehling, Ulrich Thomsen, Ella Rumpf, Claudia Eisinger, Piet Fuchs

Start 13. September