Rainhard Fendrich im VN-Interview: „Angst zu versagen, ist immer da“

Kultur / 13.09.2019 • 07:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Rainhard Fendrich sprach mit den VN über sein neues Album. VN/STIPLOVSEK

Die Austropop-Ikone sprach in der VN-Redaktion über sein neues Album „Starkregen“, seine Ansichten zur Gesellschaft, peinliche Auftritte und große Träume.

Tanja Schwendinger

Schwarzach Rainhard Fendrich bringt mit „Starkregen“ sein neues Album auf den Markt. In seine Texten verpackt er persönliche Erfahrungen und seine Gedanken zu den Missständen in der Gesellschaft. Die Austropop-Ikone war in der VN-Redaktion zu Gast und sprach über Songwriting, Politik, peinliche Auftritte und große Träume.

Was hat Sie zu Ihrem neuen Album „Starkregen“ inspiriert?

Lieder zu schreiben ist etwas, das bei mir von selbst passiert. Vor 40 Jahren habe ich mich entschlossen, auf die Bühne zu gehen und meine ersten Gehversuche als Liedermacher zu wagen. Beeinflusst haben mich unter anderem Wolfgang Ambros und Konstantin Wecker. Als Liedermacher hat man immer das Bedürfnis, seine Umgebung wahrzunehmen und zu reflektieren. Es gibt unglaublich viele Themen, über die man schreiben kann. Ich schreibe vor allem über das, was mich berührt, was mich bewegt, was mich aufregt und was mich zornig macht.

Was macht Sie besonders zornig?

Die Politikmüdigkeit. Wenn Menschen sagen, dass sie mit der Politik nichts zu tun haben wollen. Außerdem macht es mich zornig, dass Politiker lieber die gegnerische Partei anpatzen, anstatt die Wähler mit einem Programm zu überzeugen. Außerdem ärgert es mich, dass die Großen und Mächtigen dieser Welt einfach nicht begreifen, dass wir durch den Klimawandel unsere Existenzgrundlage auf dieser Welt langsam vernichten. Das sind Dinge, die mich berühren. Es erfüllt mich deshalb mit Freude, wenn ich sehe, dass in Hongkong junge Menschen auf die Straße gehen, keine Angst haben und für die Demokratie kämpfen. Auch die junge Schwedin Greta Thunberg steht trotz aller Gegenwinde auf und schafft es, so viele junge Menschen zu bewegen.

Was würden Sie ändern, wenn Sie die Möglichkeit hätten?

Die Armut reduzieren. Es kann nicht sein, dass 350.000 Kinder in Österreich – einem der reichsten Länder – von Armut bedroht sind und von der Hand in den Mund leben. Außerdem würde ich mir wünschen, dass öffentliche Verkehrsmittel in Großstädten gratis sind.

In Ihrem neuen Album lassen Sie Ihre Gedanken zur Gesellschaft freien Lauf. Warum der Titel „Starkregen“?

Das war Zufall. Ich habe einen Flug gebucht, bei dem ein Übersetzungsprogramm „Starkregen“ statt „Rainhard“ (Anm. auf Englisch „rain hard“) auf das Ticket geschrieben hat (lacht). Zu dieser Zeit hatte ich noch keinen Titel für das Album und Starkregen hat wie die Faust aufs Auge gepasst. Der Titel steht für Klimawandel. Zum einen nehmen Naturkatastrophen und Hurricans zu, aber auch in der Gesellschaft vollzieht sich der Klimawandel, weil der Ton rauer wird.

Eines Ihrer Lieder auf dem Album heißt „Social Media Zombie“. Welchen Stellenwert haben soziale Medien in Ihrem Leben?

Ich komme aus einer anderen Generation. Wir haben einen Schilling in einem Telefonhäuschen eingeworfen und stundenlang mit der Freundin telefoniert (lacht). Ich kann mich noch gut an mein erstes Mobiltelefon erinnern, das hatte einen Akku wie eine Autobatterie (lacht). Heute nutze ich Instagram und Facebook beruflich, aber privat nicht. Ich bin kein Gegner von sozialen Medien, weil ich denke, dass sie eine unglaubliche Bereicherung für uns sind. Man kann in kürzester Zeit erfahren, was auf der Welt passiert, seien es Katastrophen, Krankheiten oder Kriege. Die Gefahr, die ich aber sehe, ist, dass junge Menschen in ein Paralleluniversum abgleiten und nicht mehr in der Lage sind, mit jemandem persönlich zu kommunizieren. Die Folge dieser ständigen Erreichbarkeit ist das von mir besungene Lied „Burnout“.

Sie sind schon Jahrzehnte im Musikgeschäft, woher nehmen Sie die Energie?

Es gib Zeiten wie diese, da arbeite ich intensiv an einem neuen Album. Das gibt mir die Energie, denn ich möchte schließlich, dass das Album gehört wird. Wenn diese Zeit vorbei ist, gehe ich mit meinen Hunden wieder täglich im Wald spazieren. Ich bin in einer Lebenssituation, in der ich mich selbst nicht mehr einem Erfolgsdruck unterwerfe. Das Album hätte ich eigentlich schon vor einem Jahr veröffentlichen können. Manchmal muss aber etwas liegen bleiben, damit man es wieder aus einer anderen Perspektive betrachten kann. Und diese Zeit nehme ich mir.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Eines ist sicher: Ich werde immer Musik machen und auftreten. Einen großen Traum habe ich aber noch: Ich möchte irgendwann einmal alleine, nur mit meiner Gitarre, auftreten.

Warum haben Sie das bislang nicht gemacht?

Ich weiß es nicht, vielleicht habe ich mich nicht getraut. Die Angst zu versagen ist immer da, auch nach so vielen Jahren. Man kann sich auf der Bühne jederzeit blamieren. Ich habe einmal in einem sehr eleganten Rahmen ein Unplugged-Konzert gespielt. Plötzlich stand eine alte Dame auf, lief mit ihrem Stock in meine Richtung und rief laut: „Sie haben Ihren Hosenstall offen!“ Ich dachte, ich versinke im Erdboden (lacht). Generell ist es bei Konzerten so, dass die Nervosität, die ich anfangs verspüre, einer großen Spielfreude weicht. Ich freue mich schon besonders auf die anstehende Tour, die mich auch nach Dornbirn führen wird.

Das neue Studioalbum von Rainhard Fendrich „Starkregen“ erscheint am 20. September 2019. Konzert im Rahmen seiner nächsten Tour: 8. November 2020, Messehalle 11, Dornbirn