Wenn alles Krieg ist, ist nichts Krieg

Kultur / 13.09.2019 • 17:02 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Nach seinem BildeJérôme FerrariSecession Verlag 2019

Nach seinem Bilde

Jérôme Ferrari

Secession Verlag 2019

Elementare Sprach- und Bildkraft und eine gründliche Lektion.

ROMAN O Herr, der Sommer war sehr groß: Nun, was heißt schon groß, aber heiß war er jedenfalls. Der, von dem Jérôme Ferrari erzählt, war nicht nur meteorologisch heiß, das lässt sich mit dem Breitengrad erklären, um nicht das arme Klima zu strapazieren; er war auch politisch heiß, mörderisch heiß. Es geht um Korsika und die dort seit 1975 blutig und brutal agierende Separatistenbewegung FLNC. Wäre das alles, läge ein Geschichtswerk vor. Doch es ist ein Roman, der hier anzuzeigen ist. Neben die historischen und geografischen Fakten treten also Biografien, Schicksale, Katastrophen, Menschen aus Fleisch und Blut (das ist hier wesentlich).

Antonia gilt in der archaischen Gesellschaft eines korsischen Bergdorfs von Kindheit an als „die Frau“ von Pascal B., jenes Pascal B., „der sie mit einer Frömmigkeit und überhöhten, bis zur Prüderie gesteigerten Ehrerbietung behandelte, welche schon aus Prinzip jede öffentliche Bekundung von Zuneigung und, im Privaten, jeden plötzlichen Ausbruch von Begehren so kategorisch ausschloss, dass seine Art, es mit ihr zu treiben, im Grunde nichts anderes war als auch nur ein weiteres Zeichen von Ehrerbietung und Prüderie, ganz so, als könnte jede noch so geringe Neuerung, jeder spontane Ausdruck seines Begehrens, nur beleidigend sein und lasterhaft“.

Antonias Taufpate, ein Priester mit verzwickter Vergangenheit, schenkt der Vierzehnjährigen ihre erste Kamera. Über die Arbeit in der Redaktion einer Lokalzeitung und eine folgenschwere Reportage-Reise mitten in die Jugoslawien-Kriege der 1980er-Jahre wird Antonia selbstständig: beruflich und persönlich. Rund um ihr nach Autonomie und Frieden, nach Liebe und Sicherheit dürstendes Leben tobt der korsische Unabhängigkeitskrieg, sterben Freunde, platzen Hoffnungen.

Jérôme Ferrari, geb. 1968, wurde 2012 mit dem wichtigsten französischen Literaturpreis ausgezeichnet, dem Prix Goncourt. Das mittlerweile mehrbändige Werk des ausgebildeten Philosophen kreist unbarmherzig um das menschliche Scheitern, um das Scheitern des Menschseins. Dies aber nicht in abgehobenen, abstrakten, theoretischen Sphären, sondern in Schilderungen von höchster Eindringlichkeit, in denen Schweiß und Blut, Begehren und Hass, Trauer und Glück, Zorn und Ekstase, Rausch und Ernüchterung, Leben und Sterben, heller Tag und dunkle Nacht ganz nah beieinander liegen.

Mit einer Sprachgewalt, wie sie von Thomas Bernhard bekannt ist, schreibt Ferrari in seinem neuesten auf Deutsch vorliegenden Roman, in der ungemein authentischen, kraftvollen, stilsicheren Übersetzung von Christian Ruzicska, nicht zuletzt eine Philosophie der Fotografie und eine Philosophie der Geschichte; schreibt er von den Mächten, von denen wir nicht wunderbar geborgen, sondern an die wir rettungslos ausgeliefert sind. Der Trost, den Ferrari anbietet, ist der, von dem das Requiem für die tote Antonia in einer kleinen korsischen Bergkirche erzählt: wenn der Rest Schweigen ist und es Zeit ist, zu gehen oder einander in die Arme zu fallen. Ein elementares Buch und ein würdiger Abschluss eines großen Sommers. PEN