Wer nicht schläft, ist länger wach

Kultur / 13.09.2019 • 18:43 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die Schauspieler Nina Lilith Völsch, Philipp Auer und Enrique Fiß als Anna, Max und Thomas verstehen ihr Handwerk. VN/Stiplovsek
Die Schauspieler Nina Lilith Völsch, Philipp Auer und Enrique Fiß als Anna, Max und Thomas verstehen ihr Handwerk. VN/Stiplovsek

Wachgerüttelt, das hat die Uraufführung von „Das Optimum“ im Theater Kosmos.

Bregenz Verschlafen sollte man die jüngste Premiere im Bregenzer Theater Kosmos nicht. Dann nämlich hätte man tatsächlich etwas verpasst. Ja, es ging dabei um den Schlaf: um das Überwinden des Schlafbedürfnisses, die dadurch mögliche Leistungssteigerung, und es ging dabei natürlich auch um die Folgen eines Lebens ohne Schlaf.

Immer „aufgeweckter“ scheint dem jungen österreichischen Autor Mario Wurmitzer (27) das moderne Leben zu sein. Man ist wach, weil man es sich nicht leisten kann, zu schlafen. Den neuesten Trend verschlummern? Keine Chance! Einige Stündchen im Traumland, während im Berufsleben die Konkurrenz lauert? Niemals! Dass diese Gesellschaft immer öfter auch als die „erschöpfte“ tituliert wird, ist jenen, die da das Hamsterrad in Schwung halten, meist egal. Keine Zeit zum Nachdenken!

Schlaflose Selbstoptimierer

Das ist eine Facette der Müdigkeit, die in Wurmitzers Stück „Das Optimum“ mit eingeflossen ist. Eine andere ist die zwischenmenschliche. Beziehungen schlafen ein, Liebe wird zur Gewohnheit. Auch das geschieht Max und Anna und in gewisser Weise auch Thomas, den drei schlaflosen Selbstoptimierern, die Wurmitzer und mit ihm Regisseurin Maria Sendlhofer ins Rennen schickt.

Max und Anna sind übrigens ein Paar. Sie schlafen nicht mehr. Dicke Augenringe sind ihr Markenzeichen. Dann treffen sie auf Thomas. Der ist irgendwie aufgekratzt und auf eine eigenartige Weise gehetzt. Er ist es, der ihnen von der neuen Gesellschaft der Schlaflosen erzählt, die bald die Herrschaft übernehmen wird. Während sich nun Anna und Max Gedanken darüber machen, ob sie sich dieser Bewegung anschließen wollen (die Alternative ist schließlich das Erschossen-Werden durch Mitglieder der Organisation), stellen sich ihnen und ihrem Publikum Fragen wie „Was tun mit einem Leben ohne Schlaf“ oder „Braucht man nicht diesen letzten kleinen Rückzugsort des Träumens?“. Wenn dann aber irgendwann niemand mehr schläft, wird Schlaf natürlich zum Luxusgut. Und Anna, Max und Thomas sind nicht nur im Besitz des letzten Schlafmittels, das noch wirkt, sondern plötzlich auch sehr aufgeweckte Geschäftstreibende.

Glücksfall für die Regisseurin

Mit Nina Lilith Völsch, Philipp Auer und Enrique Fiß als Anna, Max und Thomas hat das Theater Kosmos drei junge Schauspieler zu Gast, die ihr Handwerk absolut verstehen: überzeugend, wendig und sehr modern. Ein Glückfall für Regisseurin Maria Sendlhofer, die in einer sehr reduzierten und gerade dadurch umso konzentrierteren Inszenierung das Ringen um den Schlaf in Szene setzt. Kühl und grell das Licht, peitschend der Sound (von Niklas Handrich), treibend das Spiel. Ein kleines, das Gesehene aber verdichtendes Detail am Rande sind auch die Videoeinspielungen, die im Hintergrund immer wieder aufflackern. Es sind Videos aus der Kindheit, Erinnerungen an eine träumende Zeit, die langsam verblassen, bis sich die Helden der Geschichte schließlich ganz aufzulösen scheinen und sich die Projektionen ihrer selbst verselbstständigen.

„Das Optimum“ im Bregenzer Theater Kosmos ist vieles – Zeitstück, kritisch, mit schwarzem Humor und Absurdem ausgestattet. Vor allem aber ist „Das Optimum“ eineinhalb Stunden Theater, die man sich gönnen sollte – ausgeschlafen, versteht sich.

„Das Optimum“ ist noch bis 5. Oktober, jeweils 20 Uhr, im Bregenzer Theater Kosmos zu sehen. Dauer: 90 Minuten, keine Pause. www.theaterkosmos.at