Mit Neuer Musik gegen die Klimawende

Kultur / 16.09.2019 • 09:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das Koehne Quartett spielte das Stück „Einklang freier Farben“ von Dietmar Kirchner.  JU

Das Festival „Schallwende“ zeigt im Theater am Saumarkt interessante Ansätze.

Feldkirch Da war gestern so etwas wie ein frischer Wind zu spüren im düsteren Kellergewölbe des Theaters am Saumarkt, der durch die etwas verdorrte Neue-Musik-Szene im Land wehte. Nur wenige Unentwegte und Insider hatten sich an diesem traumhaften Spätsommertag zur Premiere des originell benannten neuen Festivals „Schallwende“ eingefunden, das nach einem Familienkonzert mit Angela Mair am Vortag nun mit zwei Porträtkonzerten seiner beiden Kuratoren Dietmar Kirchner und Wolfgang W. Lindner einen ersten Höhepunkt erlebte: Ein auf hohem kompositorischem und interpretatorischem Niveau stehender, vielfältiger, als Matinee mit zweieinhalb Stunden aber zu langer Vormittag.

So aktuell kann Neue Musik sein: Da kommt hier doch glatt die zur Kultfigur gewordene schwedische Klima-Aktivistin Greta Thunberg zu Wort, kaum dass sie nach ihrer Überfahrt per Segelboot nach New York die bedeutenden Worte „Der Krieg gegen die Natur muss aufhören“ abgesondert hat. Dietmar Kirchner formt daraus als Aperçu eine elektronisch verfremdete „Zitat-Komposition“ und lässt dazu mahnend ein Bassetthorn (Christian Kapun) ertönen. Kirchners einleitender „Brief an Hugo Wolf“ für Klavier (Olga Salogina) ist dann weit weniger aufregend, weil er sich kaum an Hugo Wolf, dafür an Arnold Schönberg vor gut einhundert Jahren orientiert. Von wegen Neue Musik … Dafür versöhnt sein Streichquartett „Einklang freier Farben“, in dem Kirchner seine Befassung mit der aus Frankreich stammenden Spektralmusik in einer farbig schillernden Tonsprache leuchten lässt, mit dem Fokus auf Obertonreihen, Klangfarben und Toncharakteren. Das Koehne-Quartett aus Wien, bestehend aus vier auf Neue Musik spezialisierten Musikerinnen, sind diesem Werk kundige Interpreten.            

Bestechende Virtuosität

Wolfgang W. Lindner seinerseits, dessen Kompositionslehrer Herbert Willi im Publikum sitzt, überrascht zunächst mit seinen „Beziehungsweisen“, Protokollen menschlicher Konfliktsituationen, ausgetragen zwischen Saxophonen (Fabian Pablo Müller) und Klavier. Das knistert und grummelt, das kriselt und explodiert im Laufe von vier Sätzen in expressionistisch schrill aufgeladenen oder behutsam kuscheligen Stimmungsbildern, als wären es Menschen. Der aus Offenburg stammende Christian Hartmann formt mit bestechender Virtuosität am Marimbaphon, Lindners bevorzugtem Instrument, dessen Stück „Est! Est! Est!“, die Geschichte  eines Weines und des dazugehörigen trinkfreudigen Mönchs. Einen so intensiv in Neue Musik verarbeiteten Gesang der Sirenen aus der Odysseus-Sage wie bei Wolfgang Lindner hat man wohl selten gehört. Der Cellist Martin Merker verschaffte dem Werk mit vielen außermusikalischen Aktivitäten wie Schnaufen, mit dem Bogen durch die Luft fahren, Flageoletts und Glissandi eine packend dichte Sichtweise. „In the Spirit“ schließlich vervollständigt ein paar Takte unvollendeten Schuberts mit dem Koehne-Trio in dessen Geist, aber mit dem Handwerk Lindners.        

Wenn Komponisten aus der Region wie in diesem Fall gemeinsam ein Neue-Musik-Festival erfinden, wofür ihnen sofort ein dicker Orden umgehängt gehörte, sich dann aber zunächst einmal selbst mit ihrer Musik in zwei ausführlichen Porträtkonzerten präsentieren, dann stellt das schon die Sinnhaftigkeit eines solchen Unternehmens infrage. Bescheidenheit geht anders. Und das ist es, was diesem an sich gelungenen und vielversprechenden Auftakt des Festivals „Schallwende“ noch einen Einwand verschafft, der hoffentlich nächstes Jahr ausgeräumt wird. Fritz Jurmann