„Shakespeare ist und bleibt aktuell“

Kultur / 17.09.2019 • 18:41 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Zwischen den Proben nahmen sich Catharina May und Johannes Lepper Zeit für ein VN-Interview. VN/Paulitsch
Zwischen den Proben nahmen sich Catharina May und Johannes Lepper Zeit für ein VN-Interview. VN/Paulitsch

Catharina May und Johannes Lepper über ihre Inszenierungen bei „Cold Songs: Rom“ am Landestheater.

Bregenz Das Vorarlberger Landestheater rückt in der Spielzeit 2019/20 die Demokratiefrage in den Mittelpunkt, die von verschiedenen Seiten beleuchtet wird. Der Start in die Saison erfolgt mit einem fünfstündigen Theater-Marathon unter dem Titel „Cold Songs: Rom“. Nach einem Prolog eines „Bürgerinnenchors“ werden drei Stücke an einem Abend gezeigt. Nach William Shakespeares „Coriolanus“ (Inszenierung Catharina May) wird der Monolog „Die weißgestrichene Kälte der Revolution“ von Bettina Erasmy in der Box uraufgeführt. Anschließend folgt mit „Julius Caesar“ (Inszenierung Johannes Lepper) erneut ein Shakespeare-Werk. Impulsvorträge bieten zudem die Möglichkeit zur gesellschaftspolitischen Debatte. Die VN haben die Regisseure der Römer-Dramen zum Interview getroffen.

 

Sie sind beide erfolgreich an internationalen Bühnen tätig. Was hat Sie ans Vorarlberger Landestheater gebracht?

May Ich habe den Chefdramaturgen Ralph Blase im Schlosstheater Celle kennengelernt, als wir zusammen am Stück „Die Ratten“ gearbeitet haben. Als er hierher gewechselt ist, hat er mich empfohlen und mitgenommen.

Lepper Ich kenne Intendantin Stephanie Gräve schon sehr lange aus Arbeitsbegegnungen in Bern, Bonn, Oberhausen und Mörs. Im letzten Jahr hatte ich die Ehre „König Ottokar“ am Landestheater zu inszenieren, was mir sehr gut gefallen hat.

 

Shakespeare steht im Mittelpunkt der Eröffnungsproduktion(en). Welchen Bezug habt Ihr zu Shakespeare?

May Natürlich beschäftigt man sich im Laufe des Theaterlebens mit diesem wunderbaren Dramatiker. Aber für mich ist es tatsächlich die erste Inszenierung eines Shakespeare-Dramas.

Lepper Ich habe schon einige Shakespeare-Inszenierungen gemacht, aber „Julius Caesar“ bislang noch nicht. Das hat mich schon lange gereizt, deswegen freue ich mich, dieses Werk in einer konzentrierten Fassung erarbeiten zu dürfen.

 

Was ist für Sie das Spannende an der Inszenierung eines Shakespeare-Werks und bergen seine Stücke auch besondere Herausforderungen?

Lepper Seine Werke sind zeitbezogen und zeitlos und daher sehr geeignet, um sie immer wieder der Gegenwart gegenüberzustellen. Außerdem ist Shakespeare schichtenreich. In seinen Werken gibt es sehr viele Ebenen, die es zu bearbeiten und zu entdecken gibt.

May Für mich als Shakespeare-Neuling war es die größte Herausforderung, sich mit den verschiedenen Fassungen zu beschäftigen. Von „Coriolanus“ gibt es zehn verschiedene. Sich da durchzuarbeiten und herauszufinden, welche Fassung für diesen Rahmen passend ist, hat viel Zeit in Anspruch genommen. Außerdem mussten wir aus einem vierstündigen Stück eine Eineinhalb-Stunden-Version zaubern. Das war spannend.

 

Frau May, was können Sie über Ihre Inszenierung von „Coriolanus“ verraten? Inwiefern unterscheidet sie sich vom Original?

May Der Zuschauer bekommt das Stück in 90 Minuten um die Ohren geschlagen. Es stehen 30 kurze Sequenzen in einer schnellen Abfolge von Ereignissen auf dem Programm. Fünf Schauspieler stellen insgesamt 16 Figuren dar, da ist einiges los auf der Bühne. Grundsätzlich habe ich aber schon darauf geachtet, dass alle Themen, die Shakespeare in „Coriolanus“ aufgreift, trotz der schnellen Abfolge, erhalten bleiben. Das beinhaltet zum Beispiel die politischen Themen, wie der Diskurs nach der Suche nach einer funktionierenden Gemeinschaft, der Kampf gegen Arm und Reich sowie der menschliche Diskurs, den Shakespeare immer so wunderbar in seine Geschichte einfließen lässt. Ich hoffe, das ist mir gelungen.

 

Herr Lepper, war das bei „Julius Caesar“ genauso?

Lepper Bei „Julius Caesar“ erarbeiten fünf Schauspieler genau fünf Figuren. Wenn man es genau nimmt, müsste man das Stück eigentlich „Die Tragödie des Marcus Brutus“ nennen. Im Kern geht es vielmehr um die Verschwörergruppe um Brutus. In unserer Inszenierung geht es um die menschlichen Konflikte, die mit dem Tyrannenmord an Cäsar zusammenhängen. Es ist kein politisches Stück. Man steht plötzlich vor einer Tat, die man tief im Inneren eigentlich nicht begehen wollte, aber sich irgendwie dazu veranlasst fühlt, es doch zu tun. Diesen Konflikt und das Absurde daran wird von den Figuren herausgearbeitet.

Wie aktuell sind Shakespeare-Werke heute?

May Sie passen wie die Faust aufs Auge in die Gegenwart. Dramatiker wie Shakespeare haben ihre Themen so auf den Punkt gebracht, dass sie heute noch aktuell sind und noch lange bleiben.

Lepper Das hängt glaube ich mit der Bearbeitung des Menschlichen zusammen. Es sind immer Menschen, die in seinen Stücken agieren und diese haben sich im Laufe der Jahrtausende hinsichtlich ihrer Verhaltenswege, Ambitionen, Wünsche, Sorgen und Schlechtigkeiten nicht verändert.

 

Zielt „Cold Songs: Rom“ auf alle Generationen ab?

May Ich denke, dass durch die verschiedenen Stücke unterschiedliche Zielgruppen angesprochen werden. Neben den Shakespeare-Werken steht auch ein zeitgenössisches Stück auf dem Programm.  

 

Wie kann es dem Theater gelingen, vermehrt junges Publikum anzulocken?

Lepper Ich glaube, dass Häuser, die Risiken eingehen, gut beraten sind. So erfährt man schnell, was funktioniert und kann gleichzeitig signalisieren, dass man in Bewegung bleibt. Genau das macht das Vorarlberger Landestheater, das zudem mit einer neuen Abo-Aktion gezielt junges Publikum anlockt. Für alle Theaterfans bis 26 Jahre gibt es eine Flatrate um 26 Euro, mit der man so viele Vorstellungen besuchen kann, wie man möchte. Das finde ich grandios.

Premiere: Samstag, 21. September 2019,18 Uhr; Weitere Vorstellungen:Di 24.9., Do 26.9., So 29.9., Mi 2.10., Fr 4.10. und Sa 5.10., jeweils um 18 Uhr