Großartige Dürer-Ausstellung: Kein Albrecht ohne Agnes

Kultur / 21.09.2019 • 10:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Der Feldhase von Dürer wurde quasi zum Wappentier der Albertina. ALBERTINA, PRADO

Dürer war ein genialer Künstler, seine Frau beherrschte das Marketing.

Christa Dietrich

wien Mit „Mein Agnes“ betitelt Albrecht Dürer (1471-1528) die Zeichnung einer in Gedanken versunkenen jungen Frau. Nach Lehre und Wanderschaft – Dürer wurde als Kind und Jugendlicher in der Nürnberger Goldschmied-Werkstatt seines Vaters und aufgrund seines früh erkannten außergewöhnlichen Talents vom Maler Wolgemut unterrichtet – war ihm Agnes Frey (1475-1539) eine willkommene Unterstützerin in seinem Vorhaben, sich selbstständig zu machen. Die Frau brachte nicht nur eine diesen Schritt erleichternde hohe Mitgiftsumme und einen guten Namen in die eheliche Gemeinschaft, sie hatte auch kaufmännische Fähigkeiten, die dem um 1494 gegründeten Grafik-Unternehmen „AD“ Aufschwung verliehen. Das Außergewöhnliche seiner Holzschnitte und Kupferstiche hatte sich in wenigen Jahren herumgesprochen, die Blätter mit religiösen oder profanen bzw. trivialen Inhalten faszinierten ob ihrer Brillanz und Detailgenauigkeit nicht nur, aber vor allem, in Kreisen, die im damaligen Europa durch das Aufblühen des Humanismus entstanden sind.

Keine Frage, die Federzeichnung „Mein Agnes“ ist in der umfassenden Albrecht-Dürer-Schau, die die Wiener Albertina an diesem Wochenende eröffnet hat, ebenso vertreten wie die Silberstiftzeichnung, die der junge Albrecht bereits als 13-Jähriger fertigte und die das Können des mittlerweile unangefochtenen Meisters auswies.

Der erste Kurator der Sammlung

Die Gründe, warum die Albertina überhaupt in der Lage ist, Dürer zu präsentieren, gehört in Österreich zum Grundschulwissen, die 1502 entstandene Zeichnung vom Feldhasen ist quasi das Wappentier des Hauses, das „Große Rasenstück“ und der „Flügel einer Blauracke“ zählen als meisterliche Naturstudien zu den Ikonen der Kunstgeschichte. Warum man schon heuer, zwei Jahre vor dem 550. Geburtstag des Meisters, wiederum eine umfassende Dürer-Ausstellung anbietet, führt Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder auf den Planungsbeginn vor rund vier Jahren zurück. Damals ging man davon aus, dass seine Amtszeit, die inzwischen verlängert wurde, ausläuft. Sie mit einem Ausstellungsthema zu krönen, das zuletzt vor rund 16 Jahren über 400.000 Besucher anzog, wurde nicht verworfen. Wozu auch? Eine Leihgabe, nämlich das „Bildnis eines bartlosen Mannes“ aus dem Jahr 1521 kommt aus dem Madrider Prado, der „Heilige Hieronymus“ aus dem selben Jahr aus dem Kunstmuseum in Lissabon, das geradezu modern anmutende „Selbstbildnis als Akt“, eine Feder- und Pinselzeichnung von 1499, stammt aus Weimar. Solche Leihgeber bekniet man schließlich nicht umsonst. Weitere Bilder, etwa die „Marter der zehntausend Christen“ (1508), auf dem sich Dürer inmitten der Hinrichtungen selbst porträtierte, steuerte übrigens das Kunsthistorische Museum bei und „Die Anbetung der Könige“ von 1504 kommt aus den Uffizien. Mit dem „Rosenkranzfest“ lässt sich belegen, dass es Dürer durchaus wichtig war, auch als Maler Anerkennung zu bekommen, die er auch erfuhr, grundsätzlich steht aber das in der Kunstgeschichte einzigartige zeichnerische und druckgrafische Werk in Verbindung mit seinem Namen. Wobei wir wieder bei der Albertina wären, in der man aufgrund der Präsenz der Malerei in verschiedenen Abteilungen gerne vergisst, dass es sich von der Historie des Hauses her um eine grafische Sammlung handelt. Das Konvolut von rund 140 Dürer-Arbeiten kam geschlossen nach Wien. Dürer hat es noch selbst als erster Kurator seiner Werke geordnet. Über einen Nürnberger Kaufmann gelangte es in den Besitz des Habsburgers Rudolf II. und schließlich zu Herzog Albert von Sachsen-Teschen, dem Gründer der Albertina.

Zur Vervollständigung sei erwähnt, dass der Feldhase, der mit der Albertina unauflösbar in Verbindung steht, genauso wie weitere Blätter, nur sehr selten im Original zu sehen ist. Kurator Christof Metzger verweist zu Recht auf das detailreiche, flauschige Fell, den Schattenwurf auf dem Papier, die Spiegelung des Werkstattfensters in den Augen des Tieres. All das lässt auf den Ausdruckswillen eines Künstlers schließen, auf seine Beschäftigung mit Natur- und Geisteswissenschaft, die faszinieren.

Geöffnet in der Albertina in Wien bis 6. Jänner 2020.