Zahlen, Politik und Argumente am Landestheater

Kultur / 21.09.2019 • 08:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Mit zwei Shakespeare-Stücken und einer Uraufführung wird die Saison am Vorarlberger Landestheater am Samstagabend eröffnet. LT/Köhler
Mit zwei Shakespeare-Stücken und einer Uraufführung wird die Saison am Vorarlberger Landestheater am Samstagabend eröffnet. LT/Köhler

Intendantin Stephanie Gräve setzt auf politische Stücke und erläutert angebliche und wirkliche Besucherrückgänge.

Christa Dietrich

Bregenz Die Zahlen zuerst. Rund 50.000 Besucher wurden in der letzten Spielzeit von Alexander Kubelka und der danach interimistischen Leiterin des Vorarlberger Landestheaters, Britta Kampert, gezählt. Rund 45.000 weist die Bilanz von Stephanie Gräve auf. Im Gespräch mit den VN beschönigt die neue Intendantin den Besucherrückgang in ihrer ersten Saison in den Häusern am Kornmarkt nicht. Die Theaterexpertin verweist aber erstens auf die Berechnungsart und zweitens auf jene Produktion, die zu diesem Ergebnis führte.

Änderung der Zählweise

Dass unter Kubelka die Zahl der Besucher von jeweiligen Einführungsvorträgen zu jenen, die ein Ticket für eine Vorstellung erworben hatten, addiert wurden, diese Zählweise hat Stephanie Gräve seit ihrem Antritt im Herbst 2018 eingestellt. Werner Döring, der Geschäftsführer der Kulturhäuser Betriebsgesellschaft, habe die ersatzlose Streichung des bisherigen Vorgehens akzeptiert. Gräve hält nichts von wenig transparenten Kalkulationen. Die Hörer der Einführungen konnten jeweils nur geschätzt werden, wer hingegen zu den eigens ausgewiesenen Vermittlungsangeboten ins Haus kommt, etwa zu den Matinee-Veranstaltungen vor den jeweiligen Premieren, wird als Besucher gezählt. Die Spielzeitbilanz nach unten geschraubt hat außerdem die Produktion von „Oliver Twist“ nach Charles Dickens, die vor allem von den Schulen, wie die Intendantin erläutert, nicht im erwarteten Ausmaß angenommen wurde. „Die Produktion wurde von einigen Schulen als zu rau empfunden.“ In der Vorweihnachtszeit wird heuer die reizvolle Geschichte „Vevi“ nach einem wiederentdeckten Roman von Erica Lillegg aufgeführt, inszenieren wird mit Berenice Hebenstreit jene Regisseurin, die die Erfolgsproduktion „Der Flüchtling“ nach Fritz Hochwälder verantwortete. Dabei handelt es sich um ein Stück über Schicksale in der Grenzregion am Rhein während der Nazi-Diktatur, das am Ende eine klare Parallele zur Gegenwart aufwies. Politisches Theater eben, auf das Stephanie Gräve auch weiterhin setzt, während sie die Jugend- und Vermittlungsangebote ausweitet.

Die Vergleiche mit früheren Spielzeiten sind im Übrigen durchaus erhellend. Rückgänge um zehn Prozent hat es auch in der Ära Kubelka immer wieder gegeben. Er schloss eine Saison auch einmal mit rund 55.000 Besuchern und fiel auch unter das jetzige Niveau. Gräve: „Ich halte zudem nicht viel von Auslastungszahlen. Wir haben den ,Werther‘ so oft in der vollbesetzten Box gespielt, dass wir die Produktion dann auf der Bühne des großen Hauses vor weitaus mehr Plätzen angeboten haben, wenn die dann nicht alle besetzt sind, verringert das wiederum die Auslastung, die in der Box bei 100 Prozent lag.“

Politisches Statement

Mit zwei gestrafften Shakespeare-Stücken, nämlich „Coriolanus“ und „Julius Caesar“, sowie der Uraufführung von „Der ideale Staat in mir“ von Bettina Erasmy eröffnet Stephanie Gräve an diesem Wochenende ihre zweite Spielzeit in Bregenz. Dass die Premieren kurz vor den Nationalratswahlen stattfinden, war bei der Erstellung des Spielplans nicht erahnbar, ein politisches Statement ist das fraglos. Als politisches wie als ästhetisches Statement charakterisiert Gräve ihre Stückwahl. Eine Absage an die Demokratie sei feststellbar. „Tatsache ist, dass Menschen Politiker wählen, die klar demokratische Werte vernachlässigen.“ Da stellt sich die Frage, ob man diese Menschen mit Theater erreichen könne. Gräve: „Man kann vor allem Menschen erreichen, die denken, dass das alles noch kein Problem ist, die die Gefährdung nicht sehen.“

„Tatsache ist, dass Menschen Politiker wählen, die klar demokratische Werte vernachlässigen.“

Stephanie Gräve
Intendantin, Landestheater