Landestheater: Denkwürdiger Auftakt

Kultur / 23.09.2019 • 13:30 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Ein besonderes Erlebnis des mehrteiligen Abends: David Kopp in der Uraufführung von „Der ideale Staat in mir“. LT/KÖHLER

Mit „Cold Songs: Rom“ bietet das Landestheater zum Saisonstart ein intensives Erlebnis.

Christa Dietrich

Bregenz Debatten zur modernen und auch aktuell gefährdeten Demokratie konkret mit Klassikern der europäischen Bühnenliteratur anzustoßen – eine Absicht, mit der das Vorarlberger Landestheater nun seine Spielzeit eröffnete -, geht das überhaupt? Dass es in der Antike in der Tat ausgeprägte demokratische Strukturen gegeben hat, diese Vorstellung darf man sich nämlich getrost abschminken. Lediglich Mitglieder männlicher Eliten hatten hie und da die Möglichkeit, per Stimme den einen oder anderen Kandidaten mit entsprechenden Erwartungen in eine Führungsposition zu hieven. Mechanismen, die dabei zum Tragen kamen, haben einige Schriftsteller aber psychologisch derart fein dargelegt, dass die Texte immer noch gültig sind. Shakespeare bediente sich vor mehr als 400 Jahren in seinen Rom-Dramen an derlei Vorlagen oder an historischen Daten. „Coriolanus“ und „Julius Caesar“ zählen heute zwar nicht zu den Bühnenhits, sind aufgrund der Herausforderung, die sich bei der Umsetzung stellt, aber für Dramaturgen, Darsteller und Regisseure attraktiv, vor allem in großen Häusern mit entsprechend personeller Ausstattung. Dass sich Stephanie Gräve, die Intendantin des vergleichsweise kleinen Vorarlberger Landestheaters, dazu entschieden hat, nicht nur gleich beide Megadramen zum Saisonauftakt auf die Bühne zu stemmen, sondern sie auch noch mit einer Uraufführung anzureichern, wird wohl noch lange unter den Besonderheiten in der Geschichte des Hauses am Bregenzer Kornmarkt aufscheinen.

Viel Applaus, viel Jubel

Fragt sich, wie das Publikum das Projekt mit dem Titel „Cold Songs: Rom“ aufnahm. Antwort: Der fünfstündige Abend erfuhr nach den einzelnen Akten jeweils deutliche Zustimmung und endete gegen 23 Uhr mit sehr viel Jubel und Applaus, aber auch mit einigen Buhs und etwas gelichteten Reihen. Er begann am Vorplatz und auf einem Balkon des Hauses mit dem Auftritt des jüngst formierten Bürgerinnenchores, der sich beherzt des Shakespeare-Textes annahm und das Aufbegehren gegen die Regierenden, die auf soziale Härte setzen, trotz der historisch inspirierten Gewänder nonchalant in die Gegenwart übertrug.

Das saß und erregte neben den Theaterbesuchern auch die Aufmerksamkeit der Passanten. Regisseure haben anderes zu leisten. Wer sich alle Stücke samt der Uraufführung des Textes der deutschen Schriftstellerin Bettina Erasmy in der nur einen kleinen Teil des Publikums fassenden Box gönnte und dafür die Diskussion in der langen Pause weitgehend versäumen musste, sah sich immerhin mit verschiedenen Ansätzen zum erwähnten Themenkomplex und höchst divergierender Bühnenästhetik konfrontiert. Das gibt es selten, ist sehr spannend und bietet viel Futter fürs Hirn. Die eingangs gestellte Frage ist somit zu bejahen, das Projekt ist ein Ereignis für sich. Und differenziert betrachtet, enthält die von Catharina May rein auf die Kraft der Darsteller hin gepolte Inszenierung von „Coriolanus“ auch in sehr eingedampfter Form mit in mehreren Rollen geforderten Akteuren noch weit mehr Aussagen zur Thematik (die ja noch mit Wesentlichem, nämlich der Manipulierbarkeit der Wähler ergänzt wird) als der von Johannes Lepper als Politsatire angelegte „Julius Caesar“. Die schauspielerische Präsenz eines Felix Defèr, eines Luzian Hirzel oder eines Tobias Krüger hat gefesselt, die comicartig verzerrten Gesichter der momentan Mächtigen zwischen Amerika und China braucht es da nicht. Und so manche Infragestellung demokratischer Werte haben die Zuschauer insgeheim wohl auch auf Politiker bezogen, die weniger global agieren. Wobei angeführt werden muss, dass Stephanie Gräve das Projekt konzipierte und präsentierte, als noch niemand annehmen konnte, dass in Österreich nun Nationalratswahlen stattfinden.

Uraufführung

Und „Der Staat in mir“ ist als Drama eines sich in seiner konstruierten Macht verlierenden Influencers, das in einer fiktiven Zeit spielt, in der sich die Erde bereits von den Menschen befreit zu haben scheint, derart facettenreich, dass es gewiss kein Dasein als Entr‘acte, also als eines jener Zwischenstücke, wie man sie einst in der Pause vor geschlossenen Vorhängen spielte, fristen muss. Für das Projekt lohnt sich auch die exklusive Fahrt zur Box am Kornmarkt. Agnes Kitzler hat in gutem Tempo und mit einigem Humor sowie mit bildtechnischen Effekten viel aufgeboten, dass die Zuschauer sich in den dichten Sprachbildern von Bettina Erasmy noch zurechtfinden können, und David Kopp gelingt ohnehin die Quadratur des Kreises, wenn er einen, der die Bodenhaftung verliert, mit großem Geschick erdet.

„Cold Songs: Rom“ hat nur eine kurze Laufzeit, man sollte den Gang zum Ticketschalter nicht verzögern, auch wenn davon auszugehen ist, dass auch weiteren Schauspielern, die hier wie etwa Jürgen Sarkiss (Coriolanus) oder Zoe Hutmacher (Volumnia und weitere Rollen) überzeugten, im Laufe der Spielzeit wieder zu begegnen ist. Apropos Songs: Die Musik ist live und in Einspielungen jeweils eine Bereicherung.

Nächste Aufführung am 24. September, ab 18 Uhr im Theater am Kornmarkt in Bregenz. Weitere Aufführungen bis 5. Oktober: www.landestheater.org