Ein Koffer und ein ganzes Leben

Kultur / 26.09.2019 • 20:21 Uhr / 7 Minuten Lesezeit

Endlich wieder auf der Bühne: Erinnerungen an die Vorarlberger Tänzerin Therese Zauser.

Feldkirch „Da kamen die Möbelpacker und haben den Koffer vor der Tür abgestellt. Da hab ich gedacht: Jetzt kommt die Resi. Aber es kam keine Resi“, schwer bringt Marianne Zauser diese Worte über die Lippen. Nicht einmal mit ihrem Vater, der nur wenige Monate nach Therese starb, habe sie über den Tod der Schwester gesprochen. „Umso deutlicher erinnere ich mich an diese Sätze“, erzählt Reinhard Häfele, dem Marianne Zauser den Nachlass ihrer Familie überlassen hatte, im Rahmen einer Diskussionsrunde im Vorarlberg Museum. Marianne war die Letzte ihrer Familie. Und selbst dort, wo einst das Haus stand, in dem sie lebte, ist heute eine Lücke. Eine Leerstelle, in die die Vorarlberger Theatermacherin Brigitte Walk mit dem Stück „Bin noch in Tanger und darf nicht reisen, Therese“ Bilder setzt.

„Kurz vor dem Tunnel durch den Ardetzenberg, genau dort stand das Haus, in dem ich aufgewachsen bin. Widnau Nummer 5. Es war eine Bruchbude“, erzählt Reinhard Häfele weiter, „und genau in diesem Haus lebte auch die Familie Zauser.“ Er könne sich gut erinnern, wie Marianne, damals schon eine alte Frau, sich mit den Einkäufen Stufe um Stufe die Treppen bis zur Dachgeschoßwohnung hochschleppte. „Meine Mutter hat mir dann aufgetragen, Marianne zu helfen. So kam ich zuerst bis zur Wohnungstür und irgendwann sogar bis in die Wohnung hinein. Das war eine Zauberkammer, ein Blick in ein vergangenes Jahrhundert“, schwärmt Häfele, der damals ein Junge war. Seine Hilfe habe Marianne Zauser aber nur angenommen, weil er durch sein Geburtsjahr 1955 für sie über jeden Verdacht der nationalsozialistischen Färbung erhaben war.

Dabei ist der Anfang der Geschichte so bunt wie man sich ihn nur vorstellen kann. Vater Zauser war Beamter am Feldkircher Gericht und zugleich Obmann des Fischereivereins, Mutter Zauser Zitherlehrerin und Hausfrau. Ihr Sohn, Karl Zauser, war ein begnadeter Turner und der Star des lokalen Turnvereins. Groß, athletisch, energisch – als er den Schritt vom Turnen zur Zirkusartistik machte, war das damals zwar nicht der Regelfall, heute aber durchaus denkbar. „Man muss wissen, dass der Vergnügungs- und Unterhaltungsbereich damals eine ganz andere Stellung hatte“, erklärt Brigitte Walk. Alltäglich war die Berufswahl des Sohnes Zauser aber dennoch nicht. Karl tourte also mit dem Zirkus Sarrazin durch die Lande. Seine Schwester Marianne heiratete, und die Jüngste im Bunde, Therese, trat in die Fußstapfen ihres großen Bruders. „Ein Glück ist sicher, dass der Reisekoffer Therese Zausers an ihre Familie rücküberstellt wurde. So hat sich der Briefwechsel der Familie beinah vollständig erhalten“, verrät Sophia Bischof, die den Nachlass der Familie Zauser, der heute in der Feldkircher Stadtbibliothek liegt, gesichtet hat. Das Kernstück ist eben jener Koffer, mit dessen Rückkehr Marianne auch auf die Rückkehr der Schwester hoffte. „Im Koffer fanden sich Thereses Kostüme, ihre Taschen, Briefe und auch ein Tagebuch, das bis zu ihrem 20. Lebensjahr reicht. Darin beschreibt sie u. a., wie sie als Schülerin im Feldkircher Institut St. Joseph kleinere Theaterstücke plante. Karl war für sie sicher ein Vorbild, und so hat sie sich dann auch tatsächlich einer Jongleurtruppe angeschlossen“, beschreibt Bischof Therese Zausers Aufbruch ins Künstlerleben. Dort ließ sie sich selbst zur Jongleuse und Tänzerin ausbilden und fand auch bald eine Agentur, die sie unter Vertrag nahm – zunächst in Österreich, Deutschland und auf dem Gebiet des heutigen Tschechien. Bald aber fasste Therese den Mittelmeerraum für sich ins Auge – und ganz besonders den nordafrikanischen Raum. „Fasziniert haben mich an dieser Frau ihre Reisen in ferne und exotische Länder, von denen man heute kaum glauben kann, wie eng die Verflechtungen mit Europa damals waren. Wir haben in Vorbereitung unseres Stücks über Therese Zauser auch einige dieser Länder bereist und uns mit Journalisten, Archivaren und Künstlern getroffen. Tatsächlich ist es so, dass vor Ort oft weniger zu finden ist als in den Archiven in Europa. Warum? Weil sich die Dokumente alle in den Sammlungen der Kolonialmächte befinden. Aber wir haben dennoch Spuren gefunden“, erzählt Brigitte Walk. „Im Maghreb gab es damals ein reges Kulturleben, Wohlstand, innovative Architektur. Diese Spuren haben wir gefunden. Auch die Orte, an denen Therese Zauser wohnte – und die heute übrigens zu den wichtigsten und zentralsten Straßenzügen der Städte gehören. Man muss wissen, dass im nordafrikanischen Raum der Respekt vor dem Tanz und der Tänzerin ein ganz anderer ist“, umreißt die Biologin und Pädagogin Bouthaina Fabach die Situation.

Widerstand und Verhaftung

Nun, Therese schlug sich tatsächlich gut. „Sie war bei angesehenen Agenturen unter Vertrag und verdiente oft sogar 50 Francs pro Abend, was damals gut bezahlt war“, wirft Walk ein. Ab 1938 wurde es dennoch schwieriger, und Therese verließ Marokko in Richtung Lissabon. Dort arbeitete sie kaum noch, geriet in eine Bar-Prügelei und wurde schließlich sogar des Landes verwiesen. Feldkirch war allerdings nur ein kurzer Zwischenstopp, und schon zog es Therese weiter. Zwei Sätze sollten sie schließlich das Leben kosten: „Mich bringt niemand in eine Munitionsfabrik“ und „Die Engländer gewinnen den Krieg sowieso“. Diese Äußerungen führten zu Therese Zausers Verhaftung in Saarbrücken, zur Inhaftierung in Hamburg und zur Überführung ins Konzentrationslager der Nationalsozialisten in Ravensbrück. Vier Monate später, am Anfang des Jahres 1942, war Therese Zauser tot. Sie war damals 32 Jahre alt.

Therese Zauser (1910-1942), Tänzerin aus Feldkirch, wurde von den Nationalsozialisten ermordet. archiv Feldkirch, Walktanztheater
Therese Zauser (1910-1942), Tänzerin aus Feldkirch, wurde von den Nationalsozialisten ermordet. archiv Feldkirch, Walktanztheater

Premiere von „Bin noch in Tanger und darf nicht reisen. Therese“ am 5. Oktober im Montforthaus Feldkirch. Vorstellungen bis 10. Oktober: www.walktanztheater.com