Versagensängste braucht es nicht zu geben

Kultur / 27.09.2019 • 20:27 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Mit Pieter Bruegel war das Kunsthistorische Museum in Wien im Vorjahr ein besonderer Besuchermagnet, demnächst wird eine Caravaggio-Ausstellung eröffnet. APA
Mit Pieter Bruegel war das Kunsthistorische Museum in Wien im Vorjahr ein besonderer Besuchermagnet, demnächst wird eine Caravaggio-Ausstellung eröffnet. APA

Leiter der großen kunsthistorischen Museen in Europa sprechen über deren Zukunft.

Madrid, Wien Vor dem Renaissance-Gemälde im Prado Museum in Madrid sammelt sich eine Menschengruppe. Hieronymus Boschs „Garten der Lüste“ zeigt die Wandlung des Paradieses zu einem Schauplatz des Chaos. „Keine Fotos“ ruft eine Aufseherin über die Gespräche der Schüler hinweg, die durch den Raum eilen. Um ihre Hälse baumeln Audioguides, in den Händen halten sie Smartphones. Ein paar Räume weiter treffen sich zehn Leiter kunsthistorischer Museen. Anlässlich des 200-jährigen Geburtstags des Prado referieren sie über die Herausforderungen ihrer Institutionen. Das Kunsthistorische Museum Wien (KHM) steht exemplarisch für die Konferenz, da sowohl die seit zehn Jahren amtierende Generaldirektorin, Sabine Haag, anwesend ist, als auch der Kunsthistoriker Eike Schmidt, der sie heuer ablösen wird. Vor allem drei Fragen beschäftigen die großen Museen in Madrid und Wien, Florenz, Paris, Sankt Petersburg, London, Frankfurt, Edinburgh, dem Vatikan und New York: Wie soll mit dem Besucherandrang umgegangen werden? Wie kann eine Verbindung zwischen den alten Objekten und der modernen Gesellschaft hergestellt werden? Und wie können die Werke am besten an die Besucher vermittelt werden?

Vor dem Gebäude aus rotem Backstein in Madrid stehen die Menschen in einer überdachten Schlange und warten darauf, die Sehenswürdigkeit zu betreten. „Historische Gebäude waren nicht für die moderne Museumsinfrastruktur geplant“, sagt Sabine Haag. Sie zeigt ein Gemälde, auf dem zu sehen ist, wie ein Museumsbesuch im 19. Jahrhundert aussah: Angehörige der gehobenen Schicht stehen zwischen den Objekten, unterhalten sich, rauchen. Es gab eine Kleiderordnung und es gab Essen und Trinken. Heutzutage ist das undenkbar.

Vernetzte Geschichte

Dafür gehört ein Café zur Standardausstattung. Genauso wie ein Museumsshop. Diese Ansprüche sprengen die Kapazität der alten Gebäude. „In den Eingangsbereichen stauen sich die Besucher. Es dauert ewig, bis sie in der Sammlung ankommen“, sagt die Generaldirektorin des KHM. Das KHM ist rechteckig gebaut, die Ausstellung kann vom einen, bis zum anderen Ende durchspaziert werden. In einem Trakt ist die deutsche, flämische und niederländische Malerei untergebracht, in dem anderen die italienische, französische und spanische. So bestimmt die Architektur des Museums die Präsentation der Sammlungen mit. Aber die Geschichte kann nicht so einfach in zwei Trakte unterteilt werden, sie ist vernetzt. Deshalb überlegen die Museen, wie sie die Präsentation ändern und unterschiedliche Ansichten in das Narrativ einschließen können. In New York zum Beispiel wird in den nächsten zehn Jahren ein Viertel des Met neu gebaut. Dabei wird radikal in die bestehende Anordnung des enzyklopädischen Museums eingegriffen, mit dem Ziel, die Perspektive des weißen Mannes auf die Kulturgegenstände durch andere zu ergänzen. Haag findet das ermutigend und dass unbedingt ein Bezug zu aktuellen Kontexten gefunden werden muss. „Wir sind ein Museum für alte Kunst und Kulturen, aber wir müssen in die Gegenwart atmen“, sagt sie. Als Beispiel nennt sie die Darstellung von Macht. Sie wirft Fragen auf: Wie gehe ich in einer republikanischen Zeit mit dem Thema der Monarchie um? Und mit der Familie der Habsburger? „In der Schatzkammer werden die Insignien des Heiligen Römischen Reiches und des Kaisertum Österreichs zelebriert. Wie kann ich diese Objekte in die Gegenwart übersetzen, auch in Bezug auf die aktuelle politische Repräsentation?“

Diese Fragen gehören zum Bereich der Kunstvermittlung und zur dritten großen Herausforderung. Früher haben kunstgeschichtliche Sammlungen vor allem das Bildungsbürgertum angesprochen. Heute ist das anders. Immer mehr Touristen besuchen die Museen und sie verändern sich konstant. Das hängt zum Beispiel mit der wirtschaftlichen Situation in den Herkunftsländern zusammen. Haag erzählt, dass die Amerikaner mit der Lehman-Krise 2008 schlagartig weg waren. In New York droht jetzt der Einbruch des chinesischen Marktes, nachdem China als Konsequenz des Handelskriegs mit den USA eine Reisewarnung ausgegeben hat. Für die Museen bedeutet das, dass sie ständig Sprachen und Perspektiven ihrer Führungen an ein wechselndes Publikum anpassen müssen.

Andererseits kriegt das KHM noch immer die Rückmeldung von Nicht-Besuchern, dass es eine Überforderung sei und sie Angst hätten, intellektuell zu versagen. Das Museum versucht dem zu begegnen, mit Veranstaltungen, wie der Partyreihe „Kunstschatzi“, Diskussionsrunden oder thematischen Führungen, wie der „Drag-Führung“, die sich auf Genderthemen konzentriert.

Demokratische Orte

So werden die Museen immer mehr zu Orten, wo es nicht nur um Weiterbildung geht, sondern auch um Freizeit. Haag sagt, dass Museen heute, auch durch die vielfältigen Besucher, demokratischere Orte sind als früher. Und der Leiter des Prado bezeichnet Museen als „die neuen Kathedralen“. Orte der Begegnung und der Gemeinschaft. Um die Institutionen noch zugänglicher zu machen, arbeiten sie an ihren Onlineauftritten und nutzen Plattformen. Das Prado hat seine Sammlung auf die Website gestellt, über Instagram wirbt es Microfunder: „Mit 5 Euro retten Sie dieses Bild“. Mit dem 51-jährigen Eike Schmidt bekommt das KHM demnächst einen Leiter, der einen Schwerpunkt auf die digitale Weiterentwicklung setzen will. Als Direktor der Uffizien in Florenz hat er deren Website ins Leben gerufen, er kennt sich damit genauso gut aus wie mit der Raumnutzungsfrage. Haag wünscht sich außerdem, dass auch ihr Nachfolger die historische und technische Forschung im Haus fokussiert, aus der sie kommt und in die sie eventuell zurückkehren wird.

Nur drei Tage im Jahr hat das Prado geschlossen, ansonsten ist es täglich zehn Stunden lang geöffnet. Kunststudenten diskutieren mit Papier und Stift vor der Statue, die sie abzuzeichnen versuchen. Das reale Museumserlebnis kann auch die beste Website nicht ersetzen.

„Wir sind ein Museum für alte Kunst und Kulturen, aber wir müssen in die Gegenwart atmen.“